Führt eine Diskussion über Einsparungen mal wieder zu heftigen Diskussionen unter den Geisteswissenschaften, das ist der einzige Kontext, wo Geisteswissenschaftler mal wach werden, zumindest diejenigen, die noch nicht verbeamtet sind, dann wird betont, dass Geisteswissenschaftler ja durchaus Chancen haben auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn hier eine Neuorientierung vorgeschaltet ist. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Phase der Neuorientierung verkürzt werden könnte, wenn das geisteswissenschaftliche Studium auf die Realität vorbereiten würde, was wiederum bedeutet, dass man lernt, geisteswissenschaftliche Inhalte in relevanten Kanälen, zielgruppengerecht zu vermitteln. Wenn aber eines nicht passiert im Studium, dann ist es genau das. Im Studium ist der Kanal die Seminararbeit, später irgendwelche Fachzeitschriften mit so klangvollen Namen wie Zeitschrift für germanistische Linguistik, Romanische Forschungen, Zeitschrift für romanische Philologie, Zeitschrift für angewandte Linguistik etc. etc.., die niemand liest oder eben Bücher für die Regale der Unibibliotheken, deren einziger Sinn und Zweck darin besteht, potentielle Literaturlisten zu verlängern. Diese Kanäle sind vollumfänglich irrelevant. Der Adressat dieses Geschriebsels ist entweder der arme Prof oder ein Vertreter des akademischen Mittelbaus, der den Quark bewerten muss, oder eben der arme Doktorrand bzw. Habilitand, der noch ein paar Bücher oder Artikel braucht, die er zitieren kann, damit er seinen Namen verlängern kann und eine Chance auf Verbeamtung hat. Dieses ganze Geschriebsel hat einen spezifischen Stil, ein pseudowissenschaftliches Geblubbere, das Tiefsinn suggeriert. Ob wissenschaftliche Standards eingehalten werden, insbesondere eben ob richtig zitiert worden ist, interessiert eigentlich nur Plagiatjäger, wobei die eigentlich interessante Frage eine ganz andere ist. Wie kann man, von der Tatsache, dass die Aussage so trivial ist, dass man auch hätte selber drauf kommen können mal abgesehen, so blöd sein, dass man es nicht mal schafft, einen Text umzuformulieren. Die eigentlich interessante Frage ist, wer das liest. Wo immer Geisteswissenschaftler beschäftigt werden, Rundfunk / Fernsehen, Medien, Theater, Internet, Dozent in der Weiterbildung, Lehrer, Autor, Marketing es werden andere Kanäle für ein anderes Publikum sein, das mit einem anderen Stil angesprochen werden muss.

Es gibt aber noch ein anderes Problem. Wenn täglich Hunderttausende von Texten auf allen Niveaus, Themen, Sprachen ins Internet hoch gespult werden und diese frei verfügbar sind, dann wird sich zunehmend die Frage stellen, warum der Steuerzahler, das ist die breite Öffentlichkeit, für etwas bezahlen soll, was es auch kostenlos gibt. Werden die von der Öffentlichkeit finanzierten Schriften wenigstens öffentlich zugänglich gemacht, hätten sie noch einen Mehrwert, auch wenn sie mit anderen frei finanzierten Diensten konkurrieren. Sind sie aber nicht mal verfügbar, dann haben sie gar keinen Mehrwert mehr. Eine Einführung in die verschiedenen Möglichkeiten im Internet zu publizieren, html / Grundlagen der Programmierung / Audio- Videobearbeitung / Content Management Systeme etc. wären wichtiger als eine Einführung in wissenschaftliches Arbeiten, denn die zentrale Frage ist nicht, ob etwas wissenschaftlich ist, sondern die Frage, ob man ein relevantes Publikum erreicht und das ist eine Herausforderung, die weit komplexer ist und einiges mehr an Kreativität voraussetzt, als pseudowissenschaftliches Geschriebsel. Wissenschaftlich kann es werden, wenn man die Geisteswissenschaften enger verzahnt mit Computerlinguistik, Psychologie, Gehirnforschung. Geisteswissenschaften können langfristig nur überleben, wenn sie auf die Komplexität der Realität vorbereiten, was wiederum voraussetzt, dass sie fachbereichsübergreifend arbeiten und für einzelne Projekte Praktiker aus der Wirtschaft hinzuziehen.

Allerdings müsste hierfür das komplette Personal ausgetauscht werden. Die Diskussion um die Relevanz der Geisteswissenschaften gibt es nun schon seit vierzig Jahren. Wer bei google „Wozu Geisteswissenschaften“ eingibt, in Anführungsstrichen, andernfalls erhalten wir alle Seiten, wo diese beiden Wörter in beliebiger Reihenfolge auftauchen, erhält 2880 Treffer. In keiner Stellungnahme wird allerdings erwähnt, dass die Irrelevanz der Geisteswissenschaften mit der Qualifikation der handelnden Akteure zusammenhängt. Es ist ziemlich naheliegend, dass Leute ohne eigene Berufserfahrung niemand auf das Berufsleben vorbereiten können. Fraglich ist, ob der übliche Weg zur Professur, der zwingend ein langes Verweilen in der Blase voraussetzt, zielführend ist. Sinnvoll wäre, Lehrstühle durch mehr Leute zu besetzen, die mehr Erfahrung mit der Vermittlung von geistigen Artefakten im professionellen Umfeld haben. Die Promotion bzw. Habilitation ist entbehrlich. Profis sind eher in der Lage, interessante, fächerübergreifende Projekte anzustoßen, als Leute, die damit keinerlei Erfahrung haben. Dass wir ein Problem haben mit der Qualifikation des eingesetzten Personals, wird aber nirgends erwähnt. Auch die im Kontext des Jahres der Geisteswissenschaften erstellten zahlreichen Bemerkungen staatlicher Stellen, etwa des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, erwähnt das Problem nicht.

Das grundlegende Problem ist der fehlende Steuerungsmechanismus. Während es in anderen Bereichen sofort ein Feedback aus der Realität gäbe, erfolgt dieses Feedback bei den Geisteswissenschaften nicht.  Werden z.B. in den Ingenieurswissenschaften entscheidende, berufsrelevante Inhalte nicht gelehrt, würden dies unmittelbar zu einem Feedback aus der Industrie führen und den Druck auf die Ingenieurswissenschaften erhöhen. Werden neue therapeutische Behandlungen in der Medizin entwickelt, dann werden diese irgendwann auch mal Gegenstand der akademischen Lehre, zumindest die Grundlagen. Etabliert sich CRISPR / Cas als eine therapeutische Möglichkeit, wird zunehmend die Theorie dahinter irgendwann gelehrt. Die Inhalte dieser Studienfächer ändert sich also im Laufe von fünfzig Jahren grundlegend. Teilweise so grundlegend, dass sogar neue Studiengänge, z.B. Molekularbiologie, angeboten werden. Ergeben sich stabile Beziehungen, werden diese zu neuen Fächern kombiniert, etwa Wirtschaftsinformatik, Lebensmitteltechnologie, Gesundheitsökonomie etc… Das alles passiert in den Geisteswissenschaften nicht. Fächer wie die Philologien, Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie etc. funktionieren inhaltlich und methodisch noch wie vor 100 Jahren. Dass der berufliche Alltag gar nichts mit dem Studium zu tun hat, erlebt der Anglist zum ersten Mal, wenn er vor einer Klasse steht, bzw. sonst einer Tätigkeit nachgeht, wo er eine Zielgruppe für einen Inhalt begeistern muss.

Zielführender ließen sich die geisteswissenschaftlichen Fakultäten steuern, wenn jede Fakultät anonym veröffentlichen müsste, wie viele Absolventen drei Jahre nach Beendigung des Studiums den Einstieg ins Berufsleben geschafft haben. Hierfür müsste eine gesetzliche Regelung geschaffen werden, die die Übermittlung dieser Daten durch die Absolventen zwingend vorschreibt, etwa über eine internetbasierte Plattform. Die Studenten, die tatsächlich ihre erworbenen Kenntnisse irgendwann beruflich verwerten wollen, hätten dann eine Wahlmöglichkeit. Weiter könnten die Ressourcen nachfrageorientiert gesteuert werden. Den Fakultäten, die einen hohen Zulauf an Studenten haben, würden mehr Mittel zugewiesen, den anderen entsprechend weniger. Ausufernde Diskussionen über die Ökonomisierung des Geistes würden entfallen, da die Mittel lediglich so zugewiesen werden, dass sie den Vorstellungen der Studenten entsprechen.