Was der eigentliche Inhalt eines geistigen Artefaktes ist, lässt sich nicht bestimmen. Adorno bringt das mit der Aussage Kunst ist das Nichtidentische auf den Punkt. Kunst ist das, was sich jeder Begrifflichkeit entzieht, andernfalls wäre sie auch sinnlos, siehe I. Wenn sich etwas sagen lässt, dann soll man es sagen und nicht rumeiern. Die Geisteswissenschaften haben nun den Ehrgeiz, das was der Autor sagen wollte, genauer zu sagen. Das würde bedeuten, dass der Urheber des Artefaktes didaktisch ungeschickt war und / oder sich verquast ausgedrückt hat, so dass man die Aussage schärfer herausarbeiten muss. Ist dies der Fall, dann könnte man ihn eigentlich vergessen, denn was er sagen wollte, ist ja dann gesagt, nur eben verständlicher. Der Autor hat sehr stark den Eindruck, dass nur noch die Lehrerfrage „Was will uns der Autor mit seinem Werk sagen“ übrigbleibt, wenn man das ganze pseudowissenschaftliche Geblubbere weglässt.

Das Problem haben wir nicht nur mit geistigen Artefakten, sondern auch im Alltag. Die Mimik und Gestik drücken Bewusstseinszustände deutlich differenzierter aus als Worte. Zumindest wenn komplexe Bewusstseinszustände vorhanden sind. Freudiges Überraschtsein und freudiges Überraschtsein mit Zweifel am Wahrheitsgehalt würde sich in der Mimik anders ausdrücken. Zu WOW! gehört eine andere Mimik und Gestik als zu ECHT!?. Der Autor würde sagen, die Mimik ist angeboren. Sie wird „intuitiv“ produziert und „intuitiv“ verstanden. Wird jemand mit einem Problem konfrontiert, das nur unter Einsatz von Arbeit gelöst werden kann, hat er eine andere Mimik, als wenn er mit einem existentiellen Problem konfrontiert wird, das gar nicht gelöst werden kann. Es gibt aber auch keine Wörter, die diese Bewusstseinszustände beschreiben. Man kann das nur umschreiben. Es gibt in der Mimik eine Art Kommunikation, die sich jeder Begrifflichkeit entzieht.
Aber selbst, wenn es einen systematischen Weg gäbe, den Inhalt eines geistigen Artefaktes zu vermitteln, wäre das bedeutungslos, wenn der Inhalt nicht relevant ist. Irrelevante Wahrheiten sind nutzlos und begeistern auch nicht. Wir wissen zwar nicht, wie der Inhalt eines geistigen Artefaktes, also der Überschuss, der über das handwerklich Dekorative hinausgeht, entsteht, wir wissen auch nicht, was das genau ist und wir wissen auch nicht, was damit intendiert wird, aber wir wissen, dass dieser Inhalt bedeutsam sein muss, andernfalls interessiert uns nicht, wo er herkommt und was intendiert ist auch nicht, denn bedeutungslose Inhalte intendieren eben gar nichts. Geisteswissenschaftler ziehen also das Pferd von hinten auf. Die naheliegendere Frage wäre nach der Relevanz. Vermutlich ist ein relevanter Inhalt auch spontan vermittelbar.

Die verbeamteten Geisteswissenschaftler werden jetzt natürlich Sakrileg brüllen und Diktatur und sich auf die Freiheit der Forschung berufen. Auf dieser Strecke kommen sie aber nicht allzu weit, denn es sind im Wissenschaftsbetrieb, insbesondere in den Natur- und Ingenieurswissenschaften schon seit Ewigkeiten Mechanismen eingezogen, die marktwirtschaftlichen Charakter haben. Forschungsprojekte in den Natur- und Ingenieurswissenschaften werden größtenteils nur dann bezuschusst, wenn auch Drittmittel eingeworben wurden. Je höher die eingeworbenen Drittmittel, desto höher der staatliche Zuschuss. Damit wird eine Schranke eingezogen. Forschung, für die niemand bereit ist, Geld zu investieren, ist offensichtlich irrelevant. Es nützt da wenig, sich als Gralshüter des Wahren, Schönen und Guten zu gerieren und gegen den bösen Kapitalismus zu wettern. Wenn die Alternative lediglich darin besteht, dass der Steuerzahler für die Finanzierung irrelevanten Hokuspokus zwangsweise herangezogen wird, dann ziehen die meisten Leute den Kapitalismus vor.

Der Begriff Intuition wird in der Literatur immer wieder thematisiert. Das Statement im Titel stammt aus dem Tod des Vergil von Hermann Broch. Eine andere Stelle, die etwas ausführlicher zu der Frage Stellung nimmt, steht im Torquato Tasso von Goethe.

Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt,
und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
Oft adelt er, was uns gemein erschien,
und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.

Damit ist dann Intuition höchst intuitiv beschrieben, was uns aber leider auch nicht so richtig weiterhilft. Vage formuliert könnte man sagen, dass Torquato Tasso, auf ihn bezieht sich die Beschreibung, ganz prinzipiell auf Konfrontationskurs liegt. Für ihn sind Dinge bedeutsam, die für andere unbedeutend sind. Das heißt er prüft intensiver als andere, ob ihn etwas tatsächlich begeistert, folgt also keinem Zeitgeist. Auch die Geschichte interpretiert er aus dieser subjektiven Perspektive, versucht also Zusammenhänge, die er in der Gegenwart entdeckt, ihn geschichtlichen Ereignissen wiederzufinden. (Eine Idee, die bei Schiller verallgemeinert wird: Von der Parteiengunst verwirrt / Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.) Er ahnt Zusammenhänge, die seine Aufmerksamkeit lenken. Auch das lässt sich nachvollziehen. Beobachtungen sind immer von einem Erkenntnisinteresse geprägt. Äpfel fallen schon seit Ewigkeiten von den Bäumen, das hat nie jemanden beschäftigt, bis, so der Mythos, Newton durch den fallenden Apfel zum Gravitationsgesetz fand. Naheliegenderweise schwankt die Interpretation eines Verhaltensmuster in Abhängigkeit vom Wertesystem. Für einen treuen Anhänger des Sozialismus auf deutschem Boden ist der MfS Angehörige ein Held, der sich selbstlos für den Sieg des Sozialismus einsetzt. Jemand der diese Grundeinstellung nicht teilt, wird eher Parallelen zu einem Angehörigen der Gestapo sehen. Der Anker der Wahrnehmung ist aber kein konkretes Weltbild, keine Theorie, nichts, was mit Wörtern beschrieben wird. Der Anker ist das „Gemüt“, „das Gefühl“.

Die Gegenposition hierzu haben wir im Faust. Da haben wir nur noch frei drehende Wörter, die mit keiner konkreten Erfahrung mehr unterlegt sind.

Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Der Dichter ist also, wenn man das Problem blumig umschreiben will, eine starke Persönlichkeit, die ihre eigene Logik der Logik der Gesellschaft entgegensetzt. Was diese Individualität formte, ist unklar. Denkbar wären eine größere Fähigkeit zu Empathie, die zu einer Parteinahme für bestimmte gesellschaftliche Gruppen führt, einschneidende Erlebnisse, besserer Einblick in Gesamtzusammenhänge, größere ästhetische Sensibilität, etc.. Allerdings erklärt auch das nichts, auch wenn wir diese Eigenschaften bei Autoren geistiger Werke oft finden. Hierüber verfügen Millionen von Menschen, ohne dass sie deswegen Dichter, Maler, Musiker, etc. werden. Systemisch betrachtet können geistige Artefakte nur entstehen, wenn die Gesellschaft über ähnliche Eigenschaften wie der Autor geistiger Artefakte verfügt, denn andernfalls würde er mangels Nachfrage, so er nicht einen Sponsor findet, untergehen.

Diese intuitive Herangehensweise dürfte im Alltag problematisch sein. Intuitiv kann man sich die Frage stellen, ob der literaturwissenschaftliche Hokuspokus sozialistischer Prägung, da ist irgendwie alles Ausdruck des gesellschaftlichen Hauptwiderspruches, sich vom literaturwissenschaftlichen Hokuspokus textlinguistischer Prägung, da referieren Texte nur noch Texte, unterscheidet oder ob wir es da nicht mit austauschbaren Gestalten zu tun haben, was die Betroffenen natürlich vehement verneinen würden. Wäre dem aber so, dann wird das mit der Orientierung und Wertvermittlung, einer Aufgabe, die den Geisteswissenschaften in staatstragenden Reden zugeschrieben wird, schwierig, da der Kompass keinen Norden kennen würde. Allerdings kann man dieses „Gefühl“, also der Eindruck, der entstanden ist, weil das Gemüt das Weitverstreute gesammelt hat, auch nicht beweisen. Intuition beschreibt auch Nietzsche und der Spruch hat es sogar auf T-Shirts gebracht. Wir haben also auch hier wieder den Zusammenhang, dass wir zwar nicht wissen, was es ist, aber da viele Leute das einleuchtend finden, ist da was.

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können.
Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

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