Goethes Faust ist irgendwie ein Treppenwitz der Geschichte. Goethes Faust ist sozusagen das Fundament der deutschen Literatur und jeder, der aus irgendwelchen Gründen schöngeistige Ambitionen hat, hat das Ding im Regal stehen, was allerdings nicht heißt, dass es auch gelesen wird. Dafür gibt es jetzt Zusammenfassungen bei Wikipedia. Erstaunlich ist aber, dass ausgerechnet das Werk, das die Geisteswissenschaften so bissig verhöhnt, in der öffentlichen Wahrnehmung der Gipfel der deutschen Literatur ist. Letzteres ist zwar richtig, aber erstaunlich ist, dass niemandem auffällt, dass dort die Sprache ziemlich durch den Kakao gezogen wird.

Wer bei Google „Sprache und Denken“ eingibt, in Anführungsstrichen, andernfalls erhält man alle Seiten, wo diese zwei Worte irgendwo aber nicht notwendigerweise gemeinsam auftauchen, sagenhafte 800 000 Treffer. Es muss also relativ viele Leute geben, die davon ausgehen, dass das irgendwie zusammengehört. Beim  Jahr der Geisteswissenschaften war sogar Sprache die Klammer und Thema.

Das Wissenschaftsjahr 2007 steht unter dem Motto „Die Geisteswissenschaften. ABC der Menschheit“. Das Motto beschreibt zugleich das Thema des Wissenschaftsjahres: die Sprache. Der Kern der geisteswissenschaftlichen Arbeit lässt sich in den drei Dimensionen „Vermitteln – Gestalten – Erinnern“ darstellen.

Sprache – die thematische Klammer des Wissenschaftsjahr 2007

Von jeder wissenschaftlichen Betreuung befreit, gab es sogar noch einen Untertitel: ABC der Menschheit. Dann braucht der Geist nicht mal mehr Sprache, sondern nur noch Buchstaben. Wie die auf die Idee kommen, dass ausschließlich durch Sprache vermittelt, gestaltet und erinnert wird, bleibt deren Geheimnis.

Das ganze Thema gehört zum Bereich Psycholinguistik, wir finden es aber jetzt interessanter, was Goethe zu dem Thema zu sagen hatte und im übrigen wollen wir auch kein neues Fass aufmachen, also die Dichotomie Denken und Geist betrachten. Die Verhältnisse sind so schon ausreichend verwirrend.

In Faust I lesen wir, da denkt Faust sprachlich vor sich hin, aber das ist eher der Tatsache geschuldet, dass er ja auf der Bühne nicht sprachlos vor sich hinschweigen kann.

Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹<
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Da haben wir dasselbe Problem wie Faust und wie schon vor 220 Jahren, wird uns keiner weiterhelfen. Er bezieht sich auf das Evangelium des Johannes.

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.  Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.  In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

 Das orakelt jetzt mächtig. Dass am Anfang das Wort war, Wort im Sinne von semantischem Zeichen, ist sehr unwahrscheinlich. Wenn nämlich nichts da war, „die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebt über dem Wasser (Gen 1,2)“, gab es auch keine Lebewesen. Das Wort als semantisches Zeichen wäre also sinnlos gewesen, da ja niemand kommunizierte. Dass Gott Worte brauchte um zu denken, bezweifeln wir und es war niemand da, mit dem er sich hätte unterhalten können.  Ein bisschen mehr Sinn ergibt das ganze, wenn der gute Johannes Wort (bzw. Sprache) schlicht mit Geist gleichgesetzt hat. Das passiert immer mal wieder, bis zum heutigen Tag. Folgt man dem Orakel weiter, wird es geradezu hegelianisch. Am Anfang war also nicht Gott, sondern das Wort / Sprache / Geist Ding. Das hat dann alles hervorgebracht. Das ist aber nicht das, was sich Anhänger der offenen Gesellschaft à la Popper so vorstellen. Die gehen ja eher davon aus, dass sich der Geist im Laufe der Geschichte herausprozessiert und durchaus zu Überraschungen fähig ist. Er ist nicht von Anfang an da. Er kreiert noch nie Dagewesenes.  Das dürfte sich kaum mit den Vorstellungen Goethes decken. Bei Goethe  prozessiert sich der Geist im Laufe der Geschichte heraus. Dem letzten Satz, …Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst…,  stimmte er wohl zu, denn schon Mephistopheles erkennt messerscharf, wer sein Feind ist. Es ist das Licht oder der Geist.

Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,
ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar,
das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
den alten Rang, den Raum ihr streitig macht.

Historisch sind die Schilderungen zwar unterschiedlich, einmal gebiert die Finsternis das Licht / den Geist (Faust), das andere Mal schwebte der Geist immer schon über der Erde (Gen 1,2) und bei Johannes mutiert das Wort zum Geist, aber vom Ergebnis her läuft das auf dasselbe hinaus. Es ist der Geist, der letztlich die Richtung vorgibt. Bedauerlicherweise haben uns die letzten 2000 Jahre Menschheitsgeschichte gezeigt, dass dies zwar so sein sollte, aber leider nicht so ist. Existentialistisch betrachtet, die Tendenz hat Goethe wohl schon vorausgeahnt, rauscht die blaue Kugel durch das sinnfreie und geistlose Universum, ständig in Gefahr, von diesem verschluckt zu werden. Der Geist existiert nur hier. Allerdings hat Goethe Gott keinen Plan, wohin die Reise gehen soll, deswegen ist Faust ja sein Knecht. Der soll mal die Möglichkeiten austesten.

Wir vermuten mal, dass Faust Altgriechisch und Hebräisch konnte, also das „Heilige Original“ auch im Original lesen konnte. Das hat ihm allerdings auch nicht geholfen, denn genau wie wir fragt er sich, ob die Übersetzung korrekt ist und was mit Wort eigentlich gemeint ist. (Wobei das natürlich reine Fiktion ist. Das Teil hat ja schon Luthers, Martin 250 Jahre vorher übersetzt. Also genau genommen hat der Spiritus Rector, also Goethe höchstselbst, Zweifel, ob die Übersetzung einen Sinn ergibt.)

Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.
Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Das können wir dann zusammenfassen. Wort könnte auch Sinn bedeuten, aber der Sinn der Schöpfung ist erstmal nicht erkennbar. Kraft allerdings bedeutet Wort nie, obwohl Wörter, sogar vollkommen sinnfreie, eine enorme Kraft entfalten können. Also mit Wörtern kann man Massen kitzeln, das generiert dann unter Umständen gewaltige Energien. Faust betreibt da wohl etwas brainstorming. Die Kraft allerdings wäre ein Kontinuum, etwas, was kontinuierlich wirkt, wenn auch sinnfrei. Schlussendlich schrumpft das dann zur Tat. Das ist so gut wie nichts. Weder Sinn, noch Kraft. Also im Grunde nichts. Bettet man diesen Abschnitt in das Gesamtwerk, dann bedeutet dies, dass die Sinngebung nicht von außen, etwa von Gott kommen kann, sondern vom Menschen selber erschaffen werden muss. Gott hat ja, wie wir im Prolog im Himmels sehen, selber keinen Plan, weswegen Faust, der durch seine unersättliche Unruhe die Möglichkeiten austestet, sein Knecht ist. Die Grundthese des Dramas ist dann, dass die Schöpfung zwar sinn- und kraftlos war, aber da sie nun mal da ist, sich beharrlich dagegen wehrt, wieder im nichts zu verschwinden, was ja wiederum das Missfallen von Mephistopheles erregt:

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7