Das Problem bei Goethes Faust ist, dass der spiritus rector, also Goethe höchstselbst, stark „intuitiv“ „argumentiert“, so dass es auch nur „intuitiv“ verstanden werden kann. Man kann davon ausgehen, dass es eine gewissen Übereinstimmung gibt zwischen Goethe und Torquato Tasso, den Eleonore so beschreibt.

Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt,
und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
Oft adelt er, was uns gemein erschien,
und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.
In diesem eignen Zauberkreise wandelt
der wunderbare Mann und zieht uns an,
mit ihm zu wandeln.

Damit wird, wie schon oben beschrieben, Intuition intuitiv beschrieben. Will man es rationaler fassen, so wird ein Bewusstsein beschrieben, dass der Logik der Welt eine eigene Logik entgegensetzt, Verbindungen zwischen Zusammenhängen herstellt, die üblicherweise nicht hergestellt werden, prüft ob ihm Begriffe, tatsächlich etwas bedeuten, ob er sie also z.B. mit eigenen Erfahrungen füllen kann oder sie lediglich übernimmt, ohne sie mit konkreten Erfahrungen, beglückender oder ernüchternder Art, verbindet. Um das mal mit einem Beispiel zu erläutern. In Deutschland haben wir derzeit ein Ministerium des Innern, für Bau und Heimat. Das ist wohl eine Idee der CDU / CSU und Heimat ist ein Begriff, der bei konservativen Parteien en vogue ist und bei Parteien, die man umgangssprachlich als „rechts“ bezeichnet, mit dem Begriff Vaterland zusammenfällt. Fällt der Begriff Heimat mit dem Begriff Vaterland zusammen, dann liegt eine gewissen Enge des Bewusstseins vor, eine gewisse Armut an Erfahrungsfähigkeit, ein Mangel an Authentizität, ein schwache Sehnsucht nach Glück. Das ist an sich erstaunlich, weil nur das Deutsche zwischen Heimat und Vaterland so strikt unterscheidet. Vaterland ist ein geographischer Ort, man findet das Vaterland auf Landkarten und es steht im Pass. Heimat ist nicht notwendigerweise ein geographischer Ort, Heimat ist der Ort, wo man eine hohe Erfahrungsdichte erfahren hat, Heimat kann also auch ein Moment sein. Auch die Sprache kann Heimat sein. Das ist sie z.B. für Thomas Mann im Exil. Heimat ist vertraut, das Vaterland kann reichlich intransparent sein und historisch gesehen ist das Vaterland geradezu das Gegenteil von Heimat. Das Vaterland hat eine gewissen Tendenz, das Individuum auszuschalten. Heimat ist da, wo das Individuum das gefunden hat, was ihm entspricht. Das Vaterland kann man sich auch nicht ohne weiteres aussuchen, da gibt es „Ausländer“gesetze“, die nach skurrilen Regeln festlegen, wer dazu gehört und wer nicht, die Heimat kann man finden und sich dafür entscheiden. Heimat ist ein vertraute Welt, wo die Verhältnisse von den Individuen steuerbar sind. Heimat ist das Gegenteil von Horror, der ja exemplarisch für eine völlig entfremdete, nicht mehr beherrschbare Welt steht. Vaterland sind eher die entfremdeten Massen, die gemeinsam den Horror produzieren.  Für die Heimat gilt also, zumindest bei manchen Leuten:

Es denkt der Mensch wenn er nur Worte hört,
daß sich dabei auch etwas denken lasse

Heimat ist auf jeden Fall nichts, für das das Bundesministerium des Innern zuständig sein kann. Ein Gesetzeswerk schafft keine heimatlichen Gefühle. Man kann sich fragen, wieso Begriffe wie Bildung, Patriotismus, sozialistisch gefestigtes Bewusstsein, soziale Marktwirtschaft, Freiheit, etc. etc.. eine gesellschaftliche Bedeutung bei den Leuten erhalten können, die damit gar keine konkreten Vorstellungen verbinden und für diese Begriffe sogar gestorben wird.

(Auch die Gruppe von Mudjaheddin, bei denen durchaus unklar war, was sie mit Freiheit konkret meinten, also nicht die Gruppe um Ahmed Shah Masoud, wurde vom Westen unterstützt, obwohl die Freiheitskämpfer da eher die sowjetische Armee war. Die soziale Marktwirtschaft lässt sich präzise kaum von einer Marktwirtschaft abgrenzen und verdankt ihren Inhalt eher dem Bedürfnis, sich vom Kapitalismus abzusetzen, da viele Leute zwischen diesen Begriffen, Kapitalismus und Marktwirtschaft, nicht unterscheiden können. Unter einem sozialistisch gefestigten Bewusstsein kann sich konkret, außer den Parteifunktionären, niemand etwas konkret vorstellen, zumal es hier weniger um „Bewusstsein“ geht, also um die Mechanismen, die die Ressourcen lenken.)

Worthülsen haben wir schon bei Einigkeit und Recht und Freiheit. Wer bedauert, dass die Nationalkickers da nicht miträllern, dem ist wohl nicht klar, dass es sich hierbei um drei Worthülsen handelt unter denen sich konkret niemand etwas vorstellen kann.  Will man sich erklären, wie reine Worthülsen das Bewusstsein, das Denken und schlimmstenfalls sogar das Handeln der Individuen prägen, so kann eine Erklärung mangelnde Erfahrungsfähigkeit sein. Wer wenig kennt, gibt sich halt schon mit nichts zufrieden und hält dann schon ein Fähnchen für Heimat. Die AFD ist als politische Partei nicht interessant, das ist so unsinnig, dass es bald wieder verschwinden wird. Worthülsen allerdings haben die Tendenz, auch höchst widersprüchlich zu sein. Aus erkenntnistheoretischer Sicht ist die AfD ein interessantes Phänomen und da es aktueller ist, nachvollziehbarer als der Geschichte entnommenen Beispielen. Mit Kultur haben wir eine weitere Worthülse.

Kultur ist außerdem die zentrale Klammer, in der sich auch ein neues Politikverständnis sehen muss. Unser aller Identität ist vorrangig kulturell determiniert. Sie kann nicht dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt werden. Vielmehr soll ein Bewusstsein gestärkt werden, welches kulturelle Verbundenheit wahrnimmt, fördert und schützt.

Und weiter heißt es.

Die AfD erachtet es als eines ihrer vorrangigen politischen Ziele, dieses große Kulturerbe für die kommenden Generationen nicht nur zu bewahren, sondern es im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung weiterzuentwickeln und seine unverwechselbaren Eigenheiten zu erhalten.

Die AFD will also ein Bewusstsein stärken, welches kulturelle Verbundenheit wahrnimmt. Sie will also keine Politik, die den einzelnen dabei unterstützt seine Identität zu finden; sie will eine Identität schaffen und bei der Gelegenheit auch noch zukünftige Generationen prägen. Kaum anzunehmen, dass die unverwechselbaren Eigenheiten tatsächlich a priori vorhanden sind. Die AFD will diese über das Bildungssystem schaffen. In früheren Zeiten hätte man geschrieben den Volkskörper formen. Unabhängig von der Tatsache, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, in der globalen Welt baut sich jeder seine Identität aus dem zusammen, was er weltweit vorfindet, dürfte das die präzise Definition von Unfreiheit sein. Ein Staat, der eine Identität schaffen will, ist bestenfalls lediglich autoritär, schlimmstenfalls schlicht faschistisch. Das ist sowas ähnliches wie das sozialistische Bewusstsein, was wiederum teilweise erklärt, warum die AFD in den neuen Bundesländern so erfolgreich ist. Wer nur Worthülsen kennt und nie Gelegenheit hatte, sich zu entwickeln, der ist eben für Worthülsen anfällig. Das Parteiprogramm der AFD führt dann weiter aus.

Für die AfD ist der Zusammenhang von Bildung, Kultur und Identität für die Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung.

Da wird der Autor den Eindruck nicht los, dass man sich bei der AFD so wenig mit dem Geist  beschäftigt hat, wie beim Wissenschaftsjahr. Wenn man für den Geist auf allen möglichen Ebenen pro Jahr ein paar Milliarden Euro Steuergelder austütet, dann sollte man sich schon mal überlegen, was man darunter eigentlich versteht.

Merkwürdig ist auch, dass die AFD das kulturelle / geschichtliche Erbe weiterentwickeln will, wobei sie die Jahre 1933 bis 1944 als Betriebsunfall betrachtet, also ein positiv betrachtetes Kontinuum unterbrochen wurde. Logischer wäre das. Wenn man sich in einer Tradition sieht, die es weiter zu entwickeln gilt, dann ist Geschichte eher ein Kontinuum. Dann wäre es aber naheliegender, das Dritte Reich als Folge von Prozessen zu verstehen und es dürfte einfacher sein ein, eine Linie von Friedrich II zum dritten Reich zu ziehen, als das Dritte Reich als ein Naturphänomen zu betrachten, ähnlich wie ein Erdbeben, das plötzlich hereingebrochen ist.

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