Das trifft auch auf zahlreiche öffentliche Debatten zu. Es werden nur die Fragen gestellt, die im öffentlichen Raum schweben und hierzu gibt es dann ein paar alternative Antworten, die von den Diskussionsteilnehmern dann mit immer ähnlicher Besetzung vorgetragen werden. Die Frage, ob das überhaupt die relevanten Fragen sind, wird nie gestellt, aber die Teilnehmer können sich darauf verlassen, dass nur diese Fragen verhandelt werden und nur ein bestimmtes Spektrum an Antworten auftaucht. Besonders deutlich wird das bei der Diskussion um ökonomische Zusammenhänge. Hier dominieren in der öffentlichen Debatte Fragen zur Gerechtigkeit und Verteilung. Relevanter ist allerdings die Frage, ob die Spekulation nicht das eigentliche Problem ist und unklar bleibt, wieso die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs besser wird, wenn qua Steuern umverteilt wird. Bleibt die Menge gleich, würden die Güter des täglichen Bedarfs lediglich teurer, ohne dass sich an der Versorgung etwas ändern würde. Umgekehrt kann man auch Luxusjachten bauen und gleichzeitig mehr Güter des täglichen Bedarfs. Das ist kein Verteilungsproblem. Dies zur Illustrierung des Sachverhaltes, ohne dass die Diskussion vertieft werden soll. In dieselbe Richtung gehen diese Verse.

Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drei und Eins, und Eins und Drei
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört;
Wer will sich mit den Narrn befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

So kommentiert Mephistopheles die Zaubersprüche der Hexe. Die ersten drei Verse gehen wohl in die Richtung „wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie“, ein Verfahren, dass die großen Beratungsgesellschaften, Arthur de Little, KPMG, Price Waterhouse perfektioniert haben. Spätestens nach der 100 Power Point Folie und dem fünfzigsten Buzzword, change management, total price of ownership,  process reengineering, activity based controlling etc. sind alle der Meinung, Bedeutendes gehört zu haben, auch wenn es sich lediglich um Trivialitäten handelt. Das mystische Geraune verkürzt Mephistopheles dann, denn der Zaubertrank wirkt auch ohne das Geraune. Mephistopheles umkreist das Thema immer wieder, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber immer negativ konnotiert.

Die Zitate habe es zu einiger Berühmtheit gebracht, „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch was denken lassen“ bringt es bei google auf beeindruckende 1 Million Treffer. (Ohne Anführungsstriche, denn die Schreibweise ist nicht immer gleich und es wird nicht immer 100 prozentig gleich zitiert.) Den Sinn erfassen also viele Leute „intuitiv“, obwohl es schwer fällt, die Bedeutung rational zu erklären.

Wir werden uns gleich noch ein Zitat anschauen, das die Problematik nochmal aus einem andere Blickwinkel betrachtet. Dazu kurz ein paar Vorbemerkungen. Dem größten Ökonom aller Zeiten, also John Maynard Keynes, wird man kaum eine Tendenz zur Irrationalität, Esoterik oder sonstigem Hokuspokus vorwerfen können. Von ihm stammt aber diese Passage. Wir führen diese Passage an um zu zeigen, dass auch  sehr nüchterne Zeitgenossen, einem „intuitiven“ oder „assoziativen“ Blick auf die Welt durchaus eine gewissen Berechtigung einräumen.

Das Ziel unserer Analyse ist nicht die Entwicklung einer Maschine oder einer Methode der willkürlichen Manipulation, die eine unfehlbare Antwort liefert, sondern uns eine wohl organisierte und systematische Methode der geistigen Durchdringung zur Verfügung zu stellen, die es uns erlaubt, die Probleme zu durchdringen und nachdem wir so schrittweise durch die Isolierung der Faktoren eine Reduzierung der Komplexität erreicht haben und zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen sind, uns wieder auf uns selbst zu besinnen und die möglichen Interaktionen der Faktoren untereinander zu berücksichtigen. Das ist die Art, wie ökonomische Probleme behandelt werden müssen. Die Anwendung anderer formaler Methoden (ohne die wir uns im Wald verlieren würden) werden unser Denken anfällig für Fehler machen. Es ist ein großer Fehler der symbolischen pseudo-mathematischen Methode ökonomische Zusammenhänge so zu formalisieren,[…] dass sie die Unabhängigkeit der beteiligten Faktoren voraussetzen und jede Kohärenz und Aussagekraft verlieren, wenn dies nicht der Fall ist. [Die Übersetzung stammt vom Autor.]

aus: John Maynard Keynes, The general Theory on Employement, Interest and Money, Seite 148 (Kapitel 21, III)

Keynes plädiert also dafür, die Probleme mit einer formalen Methode zu analysieren, aber nachdem das getan ist, soll man sich zurücklehnen und die Probleme nochmal betrachten und hierbei aus dem Erfahrungsschatz zu schöpfen, also eher „assoziativ“ und sprunghaft. Darin dürfte ganz allgemein die Stärke des menschlichen Gehirns liegen. Was Intelligenztests testen, welche Zahl folgt auf 1-3-6-10-X, welches Wort passt nicht in die Reihe, bitter – sauer – niedlich – süß – salzig, das finden geometrischer Gruppen, die eine Reihe ergänzen etc… kann jeder Computer 1000 Mal schneller als der Mensch, nur wäre kein Computer der Welt jemals auf die Idee gekommen, einen Computer zu bauen. Nimmt man die Intelligenztests also ernst, sind alle Menschen Vollidioten. Das „assoziative“ Denken, das wenig systematisch vorgeht, ist äußerst erfolgreich.

(Um es an einem Beispiel zu erläutern. Dass die Ökonomen bei der Prognose des Mindestlohnes so vollkommen daneben lagen, liegt auch daran, dass sie sich von ihren Lehrbuchmodellen nicht lösen konnten, die führten zu einer Verengung des Gesichtsfeldes. Die Auflösung des Rätsels, warum der Mindestlohn nicht zu einer höheren Arbeitslosigkeit führte, ist einfach. Die Nachfrage nach bestimmten Leistungen, etwa Fenster putzen, ist begrenzt und bis zu dieser Grenze, konkurrieren sich die Arbeitnehmer auf das Existenzminimum hinunter. Wird hier der Lohn angehoben, wird die Differenz aus dem Gewinn bezahlt. Bis zu der von der Nachfrage gesetzten Grenze, ändert sich aber also der Nachfrage nach Arbeit, also Unternehmer, die Arbeit nachfragen, nichts. Stark formalisiertes Denken versperrt manchmal den Blick auf die Realität.)

Mephistopheles fasst nun diese Problematik folgendermaßen zusammen.

Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnürt,
Daß er bedächtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man Euch manchen Tag,
Daß, was Ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.
Zwar ist’s mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es müßt so sein:
Das Erst wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt und Vierte so;
Und wenn das Erst und Zweit nicht wär,
Das Dritt und Viert wär nimmermehr.
Das preisen die Schüler allerorten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Gegenüber gestellt wird also das Collegium Logicum, ein stark formalisiertes Denken, einer mehr „assoziativen“ Denkweise, die etwas irrlichtert. Dieses Irrlichtern wird aber als effizienter dargestellt, weil dann der „Geist“ nicht herausgetrieben wird. Dass kann man so verstehen, dass ein stark formalisiertes Denken, wie wir es z.B. in der Ökonomie finden, ein Problem nicht in seiner Gesamtheit erfassen kann, also wesentliche Aspekte nicht in das Modell eingehen, wohingegen die „assoziative“ Denkweise einen unverstellteren Blick auf die Realität hat, zumindest wenn eine breite Erfahrung mit der realen Welt vorliegt. Die verschiedenen Herangehensweisen lassen sich in der Ökonomie einigermaßen präzise nachweisen, was wir hier aber nicht tun werden. Wer sich dafür interessiert, der sei auf die <A href=http://www.economics-reloaded.de>www.economics-reloaded.de</A> verwiesen.

Er wird feststellen, dass Wealth of Nations von Adam Smith oder der Traité d’économie politique von Jean Baptiste Say kaum formalisieren und aus ihrer eigenen persönlichen Anschauungen schreiben. Das führt, wie Keynes schon andeutet, zu teilweise widersprüchlichen Aussagen, vermittelt aber insgesamt tiefere Einsichten in das ökonomische Geschehen, als On the Principles of Political Economy and Taxation von David Ricardo, der wohl als der erste Modellschmied der Ökonomie gelten kann. Zusammenhänge, die nicht Bestandteil seines Modells sind, bleiben schlicht unberücksichtigt, was zu Aussagen führt, die dem Betrachter, der die Welt unverstellt betrachtet, schlicht absurd anmuten. Das fehlende „geistige Band“ verweist auf die Abwesenheit von Sinn. Folgt man den grundsätzlichen Annahmen von David Ricardo, ist das Modell in sich schlüssig. Betrachtet man die Welt mit dem gesunden Menschenverstand, ist das Modell absurd. Falsch ist z.B. die Annahme, dass fruchtbares Land in der Nähe von Städten einen größeren Profit abwirft, als weiter entferntes Land, weil die Transportkosten nicht mit der Entfernung korrelieren. Ein anderes Beispiel wäre die prinzipielle Herangehensweise der Ökonomie.  Rational ist in der Ökonomie ein Verhalten, mit dem ein als gegeben gesetztes Ziel erreicht werden kann. In der Ökonomie ist das üblicherweise die Nutzenmaxierung. Das Ziel selbst wird aber nicht hinterfragt, wobei aber logisch ist, dass es sehr viel rationaler ist, ein rationales Ziel mit irrationalen Mitteln zu verfolgen als ein irrationales Ziel mit rationalen Mitteln. Wenn der Sinn und Zweck irrational ist, dann sind die Mittel, mit denen dieses Ziel erreicht werden soll, ebenfalls ziemlich irrational.

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