Sind Worthülsen institutionell verankert, werden sie zum Problem. Hat das Individuum keine Chance bekommen, seine eigene Individualität zu entwickeln oder unter Kenntnis von Alternativen der Worthülse etwas entgegenzusetzen, kann die Ablehnung der Worthülse nur in der Negation derselben bestehen. Zu einem positiven Gegenentwurf wird das Individuum nicht in der Lage sein.

Das ist auch das Problem des Faust. Das Streben des Faust hat keine Richtung. Das Streben äußerst sich erstmal nur in der radikalen, destruktiven Ablehnung.

Fürwahr! Er dient euch auf besond`re Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank und Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Torheit halb bewusst;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

Der Gegenspieler ist Wagner, das ist der typische Professor, wie man ihn noch heute an jeder x-beliebigen geisteswissenschaftlichen Fakultät findet. Er schreibt zu jedem x-beliebigen Thema ewig lange Abhandlungen mit einer ewig langen Literaturliste, die dann die Wissenschaftlichkeit verbürgen, allerdings niemanden interessieren. Sieht man mal von den total Verwirrten aus der Gruppe der Intertextualität ab, dann wird es kaum einen Literaturwissenschaftler geben, der vollkommen verneint, dass es vor dem literarischen Text eine Welt gegeben haben muss, die der Dichter in irgendeiner Form verarbeitet. Nur bei den Vertretern der Intertextualität war am Anfang das Wort, denn zumindest ursprünglich muss der Text irgendwas beschrieben haben. Fehlt aber jedes empirische Substrat, was bei Professoren und Lehrern, die ihr Leben überwiegend in Sphären mit ganz eigenen Regeln verbracht haben, dann fehlt auch jeder authentische Zugang. Wenn das Werk eine Welterfahrung vermittelt, dann bedarf es eben auch zum Verständnis eine Welterfahrung.  Fehlt diese Welterfahrung, ist die Authentizität eines Werkes, die Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit für das individuelle Bewusstsein, nur noch durch die Länge der Literaturliste verbürgt. Wenn irgendjemand schon mal dasselbe gesagt hat, dann muss auch einen Wahrheitsgehalt haben, auch wenn der Schreiberling keine Möglichkeit hat, das selbst zu prüfen. Es gibt dann auch kein genuines Erkenntnisinteresse mehr, denn wenn alles interessant ist, ist eben nichts mehr interessant. Der Geist kann dann die Welt auch nicht erstrahlen lassen, von großer Ankunft künden, überschreiten, eine Vision entwerfen, denn es ist schlicht gar keine Welt mehr da. Bildung hat dann nur noch einen systemischen Wert, ist also rein extrinsisch.

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!

Wir haben es mit einem Problem zu tun, das wir prinzipiell mit Wörtern immer haben. Wörter eröffnen immer nur ein Assoziationsfeld. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass das Assoziationsfeld hier besonders weit ist. Das schale Zeug muss genauso in einen Kontext eingeordnet werden wie das Wort Tisch oder das Wort Salat in der Redewendung „da haben wir den Salat“. Wagner findet auf jeden Fall im Studium der Schriften nichts wirklich Faszinierendes, Erhellendes, Beglückendes etc.. Wir wissen nicht, was er konkret findet, aber wir können davon ausgehen, dass Regenwürmer nichts ist, was man sucht, zumal ja auch noch expressis verbis dasteht, dass er keine Schätze findet; die Regenwürmer also das Gegenteil davon sind. Allerdings wird der Autor den Verdacht nicht los, dass so mancher Deutschlehrer, und so mancher professoraler Geistlicher, der Meinung ist, dass sich auch Wagner über Regenwürmer freut, weil sein Hobby Angeln ist.  Wenn man sich aber überlegt, wieso ein Werk, das die institutionalisierten Bildungseinrichtungen derart massiv attackiert, in eben jenen zum Kanon  geworden ist, dann kann das daran liegen, dass zum Verständnis der Kritik ein „intuitive“ Vorerfahrung erforderlich ist, die eben in der Blase nicht vorhanden ist. Die Wagners fühlen sich schlicht nicht angesprochen. Was Faust sich erhofft, erhoffen sie sich von vorneherein gar nicht und können folglich auf dieser Ebene auch nicht scheitern. Oder anders formuliert: Zu der Enttäuschung, zu der Faust fähig ist, sind die Wagners gar nicht fähig, von daher können sie gar nicht enttäuscht werden. Wer aber nur intrinsisch motiviert ist, wird in diesem System keine Karriere machen. Das System wird mit jeder Runde mehr entleert.

Das Problem von Dichtung ist, sie entstammt, wie oben beschrieben, der Dämmerung, dass der Leser und der Autor auf das gleiche empirische Substrat, zugreifen müssen. Ein „intuitives“ Vorverständnis ist erforderlich. Dieses empirische Substrat wird irgendwie modifiziert, unter Umständen wird dem Leser dieses empirische Substrat erst dann bewusst, aber ohne dieses empirische Substrat wird das nicht funktionieren. Die Fragen, die sich Faust stellt, stellen sich die Wagners dieser Welt gar nicht, dafür fehlt denen schlicht die Antenne.

Das Pergament, ist das der heil’ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Die Frage ist also, ob die Lektüre beliebiger Texte den „Durst“ auf ewig stillt, wobei unklar bleibt, was „Durst“ in diesem Zusammenhang konkret bedeuten soll. Vermutlich so was ähnliches wie „Erquickung“. Diese soll aber aus der „Seele“ quellen und was das ist, wissen wir auch nicht. Die Sprache vermittelt also, ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen auf der Website zum Jahr der Geisteswissenschaften, schlicht gar nichts. Sie eröffnet lediglich einen Assoziationsraum, der aber wiederum von der Erfahrungsfähigkeit abhängt.

Wir können davon ausgehen, dass Faust hier einer Erfahrung seines spiritus rector, also Goethe höchstselbst, Ausdruck verleiht. Der Vers kann also nicht so interpretiert werden, dass Pergamente aller Art den Durst prinzipiell nicht stillen. Man kann davon ausgehen, dass ein Dichter der Literatur einen hohen Stellenwert zumisst, allerdings ist die Sprache nachrangig. Der Text allein verbürgt noch keine Authentizität. Diese entsteht durch die Erfahrung des Subjekts, die der Text ausdrückt.

Es gibt die hierzu gegenteilige Auffassung, etwa von Mario Vargas Llosa in dem Werk Historia de un Deicidio, Geschichte eines Gottesmordes. Hier stellt sich die Literatur gegen eine Welt, die immer zu wenig ist, ergänzt also das, was Gott nicht geleistet hat. Das kann man so sehen, ändert aber wenig an der Tatsache, dass das Substrat der Dichtung die Welterfahrung ist. Richtig daran ist nur, dass literarische Text das Bewusstsein der Öffentlichkeit weit stärker prägen, als viele Leute meinen. Märchen z.B. sind tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Die Welterfahrung prägt das Bewusstsein erst, wenn sie künstlerisch gestaltet wird, oder, wie in der Dichtung, verdichtet wird. Dichtung ist so eine Art Gesprächspartner, aber die wenigstens haben so interessante Gesprächspartner, also Leute, die die Welterfahrung individuell verarbeiten.

Die Sprache ist also nicht das Problem und am Anfang war nicht das Wort. Das Entscheidende liegt zeitlich davor. Was Dichtung bewirkt, was also das „Erquickende“ ist, beschreibt so halbwegs die lustige Person im Vorspiel auf dem Theater.

Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,
Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
Dann sauget jedes zärtliche Gemüte
Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung,
Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.

Das ist schon sehr viel konkreter. Außerhalb der Wagnerwelt liegt, wenn auch teilweise unbewusst, eine Welterfahrung vor (Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt). Dichtung kann dann die Perspektive verändern, so dass belanglose Dinge bewusster wahrgenommen und interessant werden. Das trifft grundsätzlich, um mal ein triviales Beispiel anzuführen, auch auf ökonomische Zusammenhänge zu. Drei Brötchen beim Bäcker kaufen ist so trivial, dass jeder das erledigt, ohne sich zwei Tage später noch daran zu erinnern. Aus ökonomischer Sicht ist das ein höchst komplexer Vorgang. Das ist zwar kein Thema, über das jemand ein Gedicht schreiben würde, aber die Aussage ist auf jeden Fall Mal zutreffend. Wer will, kann auch ein komplexeres Beispiel nehmen. Wenn die Ode an die Freude oder die neunte Symphonie von Beethoven eine Welle um den Globus schickt, dann heißt das immerhin, dass die Menschen sich nach der ganz großen Ankunft sehnen. Das ist also A song of hope. Das ist ja schon mal was.

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