Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt!

Das mag objektiv falsch sein und die Evolutionstheorie von Darwin richtig. Die Freude treibt keine Blumen aus den Keimen, das ist mehr das survival of the fittest. Das Problem ist nur, dass die Evolutionstheorie von Darwin auch dann keine Vision von Ankunft hat, wenn man sie molekularbiologisch untermauert. Die Vision von großer Ankunft kann nur der Geist schaffen.

Wenn das Gedicht L’Albatros von Baudelaire berühmt ist, dann heißt das, dass viele Leute hochfliegende Träume haben, die aber an der banalen Wirklichkeit scheitern. Das ist auch schon mal nicht schlecht. Vielleicht wird dann mal die banale Wirklichkeit zu einer spannenden Sache.

In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.

Da reden die lustige Person und der Dichter aneinander vorbei, wobei es nicht notwendigerweise falsch ist. Man kann ganz prinzipiell die Dinge so oder so sehen. Wer grundsätzlich optimistisch gestimmt ist, sieht die Dinge eben so und wer grundsätzlich pessimistisch gestimmt ist, sieht die Dinge dann eben anders. Dichtung kann durchaus dazu führen, dass man sich selbst ein bisschen anders sieht, als es der Wahrheit entspricht. Mit diesem Vorspann allerdings, kann man zweifeln, dass die lustige Person dem Dichter zutraut, der Jugend schönster Blüte irgendetwas zu offenbaren. Dass die Rezeption eines Artefaktes abhängig ist vom Subjekt, ist offensichtlich. Jeder sieht also nur, was er im Herzen trägt, nimmt also wahr, was er kann und wie es ihm in den Kram passt.

Der Dichter stellt eher auf Dinge ab, die objektiv und zeitlos wahr und schön sind. Hierbei wird wieder die gleiche Metapher verwendet, die auch schon Leonor bei der Beschreibung von Torquato Tasso benutzt (…sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur…).

Wodurch besiegt er jedes Element?
Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt,
Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt?
Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,
Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,
Wenn aller Wesen unharmon’sche Menge
Verdrießlich durcheinander klingt –
Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe
Belebend ab, daß sie sich rhythmisch regt?

Darunter mag sich mancher etwas vorstellen können, aber die Wirkung der Dichtung ist damit nicht umfassend beschrieben. Der Autor würde sagen, die allgemeinste Formulierung wäre zu sagen, dass Dichtung die Dinge bedeutsam werden lässt, die Welt zum sprechen bringt, denn eine Welt, die aussieht wie ein ewig langer mit Linoleum bedeckter Flur mit langen Reihen aus Sperrholztüren links und rechts, so Gebäude gab es zuhauf in der ehemaligen DDR, ist stumm, steht dem  Subjekt unvermittelt gegenüber. Ein Grund, warum es Dichtung gibt, seit ewigen Zeiten, dürfte derselbe sein, warum im Schwarzwald die Leute aus den Baumstümpfen im Wald, nachdem die Tanne abgesägt wurde, Eulen schnitzen.

Es sei konzediert, dass die Wirkung von literarischen Texten ein Mysterium ist und diese Wirkung kaum greifbar ist. Offensichtlich ist aber, dass die Sprache hier nur Ausdruck des Mysteriums ist, aber nicht das Mysterium selbst. Wenn der Text für das Eigentliche genommen wird, weil das empirische Substrat fehlt, dann landen wir bei der Intertextualität. Sie ist der Ausdruck der Misere. Wo das Substrat, auf dem Dichtung aufbaut, welches Dichtung verdichtet fehlt, was in der Blase der Fall ist, drehen die Wörter im Leerlauf.  Zur Intertextualität gibt es unterschiedliche Definitionen, die aber alle in die gleiche Richtung gehen.

Intertextualität bezeichnet die Beziehung(en), die Texte untereinander haben. Traditionell werden darunter erkennbare Verweise auf ältere, ebenfalls literarische Texte gefasst. Mit dem Poststrukturalismus wurde der Begriff erweitert und zur Bezeichnung sämtlicher Relationen zwischen Texten. Intertextualität ist hier eine Grundeigenschaft von Texten.

https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/glossar/intertextualitaet.html

———————

Mit Intertextualität wird in der strukturalistisch und poststrukturalistisch geprägten Kultur- und Literaturtheorie das Phänomen bezeichnet, dass kein Bedeutungselement – kein Text also – innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist. In der Literaturwissenschaft werden auch konkrete Bezüge zwischen literarischen Einzeltexten als „Intertextualität“ bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualit%C3%A4t

Das ist die Liga „Am Anfang war das Wort“, was unstrittig falsch ist. Ohne ein Bewusstsein, das von der Welterfahrung geprägt ist, gibt es keine Wörter, weil man sie dann nicht braucht. Wenn die Philologen bei der Intertextualität gelandet sind, dann fehlt ihnen eben die Welterfahrung. Ohne Welterfahrung drehen die Wörter im Leerlauf. Im fortgeschrittenen Stadium sprechen die dann auch von Textproduktion in Bezug auf literarische Werke, womit ein Vergleich zur industriellen Fertigung gezogen wird, für die es dann tatsächlich kein Bewusstsein mehr braucht, das die Welt reflektiert. Der Begriff ist also Ausdruck einer tiefen Krise. So tief, dass sich die Frage stellt, ob man wirklich weiterhin Milliarden an Steuergeldern in das System pumpt, denn außerhalb der Blase interessiert das niemanden mehr. Die Textproduktion, also sinnloses, automatisiertes oder halbautomatisiertes Geschwafel, macht jeder Computer. Der hat dann kein Bewusstsein und braucht auch keines.

Texte beziehen sich nicht auf Texte. Richtig ist nur, dass Ideen, Perspektiven, Visionen, Stimmungen etc. die in sprachlichen Werken vorliegen, andere sprachliche Werke beeinflussen. Das ist naheliegend. Richtig ist auch, dass es zum Teil Umbrüche in der Art gibt, wie sich ein Bewusstsein äußert, z.B einen Wandel von einer auktorialen Erzählsituation à la Tolstoi zu einer personalen Erzählsituation, wie wir sie extrem bei Maria Vargas Llosa in La conversación en la Catedral finden. James Joyce und der stream of consciousness hatte in der Tat eine große Wirkung auf die Literatur, weil damit der assoziative, irrlichternde Charakter des Bewusstseins beschrieben werden kann. Übernommen wurden solche „Techniken“, weil ihnen ein Wahrheitsgehalt zukommt und nicht, weil sich damit Texte produzieren lassen.

Richtig ist höchstens, dass die Sprache den Zugriff auf Bewußtseinsinhalte erlaubt. Es gibt einen Unterschied z.B. zwischen glücklich und fröhlich. Wenn jemand über die Bedeutung von glücklich nachdenkt, wird er andere Szenarien an seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen als bei fröhlich. Auf das mit fröhlich und glücklich Gemeinte, kann aber ohne Sprache nicht zugegriffen werden. In diesem Sinne konserviert Sprache Bewußtseinsinhalte, bzw. ist der Zeiger, der auf die Region verweist, wo diese Bewußtseinsinhalte abgespeichert worden sind. Ohne diesen Zeiger, wären diese Inhalte so verloren wie der Spielfilm, den man zwar wieder erkennt, wenn man nur wenige Sequenzen daraus wieder sieht, der aber nicht bewusst ins Gedächtnis gerufen werden kann.

Die Anhänger der Wort first Theorie sind vielgestaltig. Zu der Kategorie gehört auch Wittgenstein mit seinem „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt“, wobei Wittgenstein, entgegen dem was allgemein geglaubt wird, auf die Sprache an sich abstellt, nicht auf Einzelsprachen. Unsinn ist das schon deswegen, weil nach dieser Logik die „Welt“, bzw. der Horizont nie hätte erweitert werden können. Unsere „Welt“, unser „Horizont“, unsere „Welterfahrung“, unsere Vorstellungen von der Welt wären dann noch dieselben, wie die der Ägypter zur Zeit der Pharaonen, was ganz offensichtlich nicht zutrifft. Genau genommen hätte sich gar keine Sprache entwickelt. Die Sprache folgt einer immer ausdifferenzierteren Welterfahrung. Wird als Grenze der Welterfahrung die Sprache gesetzt, ist die Welterfahrung gar nicht möglich.

Es ist genau umgekehrt. Unsere Vorstellungen, unser Horizont, unsere Welterfahrung etc. modifiziert die Sprache. Die Sprache ist erstmal ein Werkzeug und wird an die Bedürfnisse angepasst. Ein fehlendes Werkzeug kann hinderlich sein, stellt aber nur solange eine Grenze dar, bis geeignete Werkzeuge entwickelt wurden. Das geht nun so, seit es Menschen gibt. Dass der Ausspruch Wittgenstein ständig zitiert wird, auch von schlichten Gemütern wie Bundespräsidenten und Ähnlichem, liegt wohl darin, dass manche Leute meinen, sie seien besonders tiefsinnig, wenn sie dunkel raunen und weil noch der größte Einfallspinsel vom tiefsten Mysterium tief ergriffen sein will.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7