Wir kommen nun kurz auf Tendenzen zu sprechen, die sich in den Geisteswissenschaften breit machen, und wo der Geist dann endgültig gar keine sinnvolle Funktion mehr hat, also dem Poststrukturalismus und Pierre Bourdieu. Als völlig funktionslos begeistert er die Geisteswissenschaftler am meisten, denn in der Blase und in der absoluten Beliebigkeit, ist er das sowieso schon.

Bei Bourdieu haben wir wieder einen bestimmten Typ von Stil, das heißt, wir haben eine unendliche Anzahl an Begriffen, die eigentlich im Grunde nichts bedeuten. Aus irgendwelchen Gründen geht Bourdieu davon aus, dass Kapital in modernen Volkswirtschaften ein entscheidender Faktor ist. Da ist er irgendwie bei David Ricardo und Karl Marx stecken geblieben. Die Wahrheit ist, dass Kapital letztlich Geld ist und Geld von jeder Zentralbank in jeder x- beliebigen Menge gedruckt werden kann und diese das auch tun wird, solange das Geld durch ein potentielles BIP gedeckt ist. Potentiell, weil niemand, der jetzt 100 Euro in der Hand hat, sich wünscht, dass er sich gestern was damit kaufen konnte, sondern dass er sich morgen was damit kaufen kann. Das was er kaufen will, muss noch nicht produziert sein, aber es muss produziert werden, wenn er es haben will. Bourdieu hat also eine naive Vorstellung von Kapital, die Grundzüge der Geldtheorie sind ihm unbekannt, aber das ist in unserem Zusammenhang gar nicht das eigentliche Problem.

(Wer das jetzt genauer nachlesen will, sei auf die www.economics-reloaded.de verwiesen, aber um die Sache abzukürzen. Die General Theory of employment, interest und money von Keynes liegt wohl außerhalb der geistigen Möglichkeiten von Pierre Bourdieu. Kapital ist ein Produkt der Vergangenheit, Geld allerdings ist durch das Produktionspotential in der ZUKUNFT gedeckt.)

Geisteswissenschaftler sind ökonomische Laien, was erst mal nicht weiter schlimm ist. Jetzt bildet sich Bourdieu aber ein, den Kapital Begriff ganz entscheidend erweitert zu haben, Kapital kann nämlich auch das sein, was jemand in der Birne hat, was, von Bourdieu gar nicht bemerkt, ein Problem für den Kapitalisten ist. Hat der einen Sack voll Gold, aber der andere das Wissen, damit er den Sack Gold in marktfähige Produkte verwandeln kann, dann ist unklar, wer von wem abhängt. Hat der eine eine geniale Idee, dann findet er auch jemanden mit dem Sack Gold, siehe google, amazon, apple etc… Das nennt sich dann Humankapital und findet sich schon in Principles of Economics von Alfred Marshall beschrieben.

Bourdieu ist nun der Meinung, dass man leichter an Vitamin B kommt, das nennt er soziales Kapital, wenn man viel kulturelles Kapital hat, also wer Geige spielt und Latein kann, hat mehr Möglichkeiten, Kontakt mit geschäftlich interessanten Leuten aufzunehmen. Daraus schließt der Autor, dass Bourdieu noch nie in der start up Szene unterwegs war, nicht in Deutschland und nicht in Frankreich. Ob jemand Debussy auf dem Klavier spielen kann, einen Cezanne im Zimmer hängen hat und den Einfluss von Bergson auf Marcel Proust beschreiben kann, ist völlig egal. Das bringt keinen venture capitalist dazu, da einzusteigen und keine Bank, wird ihm deshalb Geld leihen. Da mag der Habitus noch so sehr dem Geschmack des Sparkassenleiters entsprechen, das interessiert nicht.

Zielführender ist da unter Umständen ein gemeinsamer Besuch im Bordell, wirklich überzeugend ist aber ein plausibler business plan. Der gute Bourdieu hat nie gearbeitet. Je näher ein Job an der unmittelbaren Produktion liegt, also Ingenieure, Informatiker, Facharbeiter etc.. desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass „kulturelles“ Kapital eher zu Misstrauen führt. „Kulturelles“ Kapital wird dann eher mit weltfremd assoziiert, man ist dann eher geneigt, eine geringe Fähigkeit zu unterstellen, wenn es um die Lösung konkreter Probleme geht.

Das Problem ist aber nicht, dass das ganze Bourdieu Gebrabbel verquaster Quark ist, sondern dass sein „kulturelles“ Kapital reduziert wird auf den instrumentellen Charakter. Es mag sein, dass Bourdieu das selber noch kritisch gesehen hat, wenn sich auch wenig Kritik finden lässt, aber bei den Geisteswissenschaftlern ging der Schuss nach hinten los. In ihrer verzweifelten Suche nach ökonomischer Verwertbarkeit ihres „kulturellen“ Kapitals, kam ihnen so was wie Bourdieu wie gerufen. Sie können sich jetzt einbilden, dass sie mit ihrem „kulturellen“ Kapital einen anderen Habitus und damit ein weiteres soziales Kapital haben, also der Berufseinstieg leichter ist, weil sie hier einen Vorteil haben. Das ist nonsense und entwertet Kultur endgültig.

Noch verheerender ist aber, dass das „kulturelle“ Kapital keinen Inhalt mehr hat, kein Spannungsfeld mehr zwischen Subjekt und Objekt, was den Jungs und Mädels aber gar nicht auffällt, weil in der Beliebigkeit der Blase, dieses Spannungsfeld von vorneherein nicht existierte. Mit Bourdieu hat sich das geistige Artefakt dann abgeschafft. Spottet Adorno noch über den spießigen Bildungsbürger, der Kunst konsumiert wie einen Schweinebraten, dann kapieren die Fans von Bourdieu schon gar nicht mehr die Ironie, die in dieser Aussage steckt. Wenn das geistige Artefakt aber keinen Überschuss mehr hat, dann ist es sinnlos. Nur damit man sich beim nächsten meeting, come together oder business lunch mit schwachen Reminiszensen an Bildung, garniert mit ein bisschen Cicero und Caesar, sich gegenseitig die Zugehörigkeit zur selben Gruppe versichert, brauchen wir, abgesehen davon, dass es sowieso nicht funktioniert, keine Geisteswissenschaften. Beim business lunch kann man im Übrigen eher mit Uriah Heep punkten. Die Ausklammerung von Adorno und der Enthusiasmus für Bourdieu zeigt uns, wie tief die Geisteswissenschaften seit den siebziger Jahren gefallen sind. Sie sind an einem Punkt angelangt, wo man sie auch abschaffen kann. Was sie im übrigen intuitiv auch ahnen, wie der Autor schon hat feststellen können. Erklärt man ihnen nämlich was Sache ist und wie die real existierende Wirklichkeit funktioniert, dann reagieren die professoralen Tattergreise wie beleidigte Leberwürste.

Seit den achtziger Jahren, vor allem in der Romanistik, wurden die Geisteswissenschaften poststrukturalistisch. Der Inhalt eines Werkes ergibt sich nicht mehr aus dem Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Die Bedeutung eines geistigen Artefaktes ergibt sich ausschließlich aus dessen Position innerhalb einer Struktur. Ohne die Struktur, hätte nichts eine Bedeutung. Implizit beziehen sich geistige Werke damit immer auf andere geistige Werke. Die Position des Autors ist also weitgehend egal. Wer sich etwas darunter vorstellen will, der kann das so sehen. Ein traditioneller Roman, mit einem auktorialen, allwissenden, vorausschauenden und rückblickendem Erzähler, wie etwa die Buddenbrooks von Thomas Mann, zieht den Leser hinein in die Sichtweise des Autors. Er wird die Gründe, die Thomas Mann für den Niedergang der Familie Buddenbrook anführt, vornehmlich die zunehmende Unlust äußerlichen Anforderungen zu entsprechen, also die Stellung in der Gesellschaft zu wahren und zu vergrößern, geschäftlichen Erfolg zu haben, die Ehre der Familie hochzuhalten und damit auf spontanes Glück, Heirat nach Neigung, Verfolgung künstlerischer / philosophischer Interessen zu verzichten, erst mal akzeptieren, obwohl man auch schlicht sagen könnte, die family hatte einen an der Waffel. Thomas Mann konstruiert also eine Wahrheit. Diese Sicht der Dinge ist aber selber ein literarisches Produkt, speist sich aus anderen Romanen, etwa der Madame Bovary von Flaubert oder Effie Briest von Fontane, die ebenfalls eine in Konventionen erstarrte Gesellschaft beschreiben. Verständlich ist diese Sichtweise aber nur, wenn es auch Gegenmodelle dazu gibt, etwa Lulu von Frank Wedekind. Ob das ein relevantes Problem ist, sei dahingestellt, denn in der Regel gibt es ja eine Tendenz zum Zweitbuch, aber auf jeden Fall bewegt sich der Fokus weg vom Autor. Der Autor beschreibt nur noch einen beliebigen Narrativ, eine beliebige Erzählung, die mit anderen Narrativen gleichberechtigt koexistiert. Der Perspektive des Autors kommt keine absolute Wahrheit mehr zu.

Der Nouveau Roman, also Alain Robbe Grillet und Co, verlegt dann die Struktur ins Innere des Romans. Die Figuren werden nicht mehr konstruiert, sondern dekonstruiert. Das Bild, das sich der Leser von den Ereignissen macht, wird ständig revidiert. Die Ereignisse werden nicht chronologisch erzählt und auch nicht aus einer einheitlichen Perspektive, sondern bruchstückhaft und vor- und zurückgreifend. Wer will, kann darin eine parallele zum Alltag sehen, wo wir die Dinge auch nur bruchstückhaft wahrnehmen und versuchen müssen, aus den Bruchstücken ein kohärentes Bild zu gewinnen, dass aber je nach Informationsstand immer wieder geändert wird. Streiten kann man sich darüber, ob wir es hier überhaupt mit etwas radikal Neuem zu tun haben. Ähnliche Techniken haben wir auch bei Maria Vargas Llosa in La casa verde oder in Conversación en la Catedral oder bei Il fu Mattia Pascal von Luigi Pirandello. Der Ansatz mag interessant sein, überspannt man den Bogen, wird es zunehmend langweilig. In dem Konzept kommt weder der Sender noch der Empfänger vor und da die Realität ohne Sender und Empfänger auch nicht existiert, bzw. diese dann gleichgültig ist, kommt auch keine Realität vor. Die Kernaussage ist, dass es kein Subjekt gibt. Das ist zwar ziemlich unrealistisch, aber dem in diesem Kontext verwendeten Begriff Textproduktion lässt sich entnehmen, dass man das Unrealistische für Realistisch hält, wobei man bei Zitierwissenschaftlern davon ausgehen kann, dass sie das Konzept tatsächlich für realistisch halten. Bei manchen Leuten, die dozierend durch die Universitäten schlurfen, kann man aber auch bezweifeln, dass sie die Kernaussage überhaupt begriffen haben. In der akademischen Blase muss man sich zur Realität nicht verhalten, man kann schlicht so tun, als ob sie nicht existiert. Das Problem ist, dass die Geisteswissenschaftler irgendwann mal die Blase verlassen müssen und dann müssen sie irgendjemand erklären, warum der Geist Spaß macht, interessant ist, was bringt etc.. Einfach so beliebige Romane in sich rein fressen, einer so interessant oder uninteressant wie der andere, Hauptsache das Ding lässt sich poststrukturell interpretieren, funktioniert da nicht mehr. Also ohne Realität, kann man die Geisteswissenschaften auch abschaffen.

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