Geisteswissenschaften sind vor allem Kontemplationswissenschaften. Ihre reinste Erfüllung finden sie in der Betrachtung, was auch lange nicht so anstrengend ist, wie etwas zu tun. Das kennen wir ja aus dem Alltag. Jemandem beim Arbeiten zuschauen ist viel angenehmer, als selber zu arbeiten und Geisteswissenschaften ist der einzige Berufszweig, bei dem man mit der reinen Betrachtung der Verhältnisse Geld verdienen kann. Zumindest wenn es jemanden gibt, in der Regel den Steuerzahler, der diese kontemplative Lebensweise finanziert. Der Unternehmer sucht aktiv nach Problemen, die er lösen kann, damit verdient er sein Geld. Ohne Probleme, kein business. Auch für den Ingenieur ist die reine Betrachtung nicht besonders lukrativ. Kein Bauherr würde einen Bauingenieur beauftragen, der hochwissenschaftlich und mit Tausend Zitaten belegt, dass Häuser irgendwann zusammenfallen. Bei den Geisteswissenschaftlern ist das umgekehrt. Bücher wie „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, also dicke Schinken in denen eindrucksvoll beschrieben wird, dass alles dem Tode geweiht ist, faszinieren und lassen sich verkaufen. Tröstlich ist, dass Oswald Spengler sich doch nicht die Kugel gegeben hat, was ja eigentlich logisch gewesen wäre. Wir lernen daraus, dass auch schwer Depressive ziemlich ehrgeizig sein können, Erfolg haben wollen bei den dem Tod Geweihten, das hält sie am Leben. Die Kontemplationswissenschaftler werden sich noch in 100 Jahren über den Herrenmenschen, die Sklavenmoral und den Willen zur Macht unterhalten. Es ist zwar ziemlich unklar, was man damit konkret anfangen soll, aber sicher wird es irgendein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geben, das dafür Geld austütet. Manche davon werden wahrscheinlich am Schluss genau so verrückt, wie Nietzsche selbst oder zumindest ziemlich eigenartig. Die Leute, die die Probleme dann lösen werden, wird die Frage, ob das Christentum eine Sklavenmoral ist, weil sich die Wertvorstellung durchgesetzt haben, die die Schwachen schützt, nicht beschäftigen. Ganz Jenseits von Gut und Böse werden sie solargetriebene Wasserentsalzungsanlagen und Thermosolaranlagen bauen. Da hat man eine Win / Win Situation für beide Parteien. Die Frage nach Gut und Böse stellt sich da gar nicht. Die stellt sich eigentlich nur in den universitären Wärmehallen des Geistes oder eben in der Klappse. Ob für die Kontemplationswissenschaftler die Welt tatsächlich ein einziges Jammertal ist, oder ob sie schlicht gegen Inhalte immun sind, und lediglich mit Worthülsen jonglieren, kann man kaum sagen.

Zur Kontemplation passt der Glaube, dass die Welt von Kräften und Tendenzen beherrscht wird, auf die der Mensch keinen Einfluss hat. Wenn man eh nichts tun kann, kann man nur noch zuschauen. Was im übrigen für die Kontemplationswissenschaftler zutrifft. Der Hegelsche Weltgeist ist sozusagen ein Baby, dessen Anlagen schon genetisch festgelegt sind. Was sich im Laufe seines Lebens an Qualitäten zeigt, war am Anfang schon da. Am Schluss weiß er lediglich, was er am Anfang war. Marx meint zwar, er hätte den Weltgeist auf die Füße gestellt, aber das ist erstens falsch und zweitens nicht der springende Punkt. Erstens hat das Kapital, was bei Marx im Übrigen schlicht Geld ist, wodurch die gesamte Theorie in sich zusammenfällt, lediglich den Wunsch, sich zu vermehren, im Gegensatz zum Weltgeist, der sich erkennen will, und zweitens, und das ist der springende Punkt, ist der Mensch sowohl bei Hegel wie auch bei Marx lediglich Zuschauer. Der eine, also Hegel, irrt, weil es ein paar Milliarden Geister gibt, die sich erkennen wollen, das ist schon bei den Griechen so. Über dem Orakel von Delphi stand „erkenne dich selbst“. Da stand nicht erkenne den Weltgeist. Der andere, also Marx, ist völlig auf dem Holzweg, weil das Kapital zum Geldkristall wird, wie er das nennt. Das ist aber Geld und die Europäische Zentralbank kann in einer Nacht mehr Geld drucken, als noch der fieseste Kapitalist allen Proletariern aller Länder in zehn Jahren abpressen kann. Vereinfacht ausgedrückt: Marx hat überhaupt keine Geldtheorie, das ist schlicht totaler Unsinn, was der Carlos Murks da produziert hat. Also den Carlos kann man jetzt wirklich mal aussortieren. Über den braucht man jetzt wirklich nichts mehr schreiben, auch wenn es irgendein staatliches Förderprogramm gibt. Da wäre jetzt wirklich eine verständliche Darstellung der Theorie von Keynes zielführender. Money makes the world go round, nicht Kapital. Das ist aber nicht der Punkt, der uns im Moment interessiert. (Obwohl es natürlich der Punkt ist, der in der öffentlichen Debatte verstanden sein sollte.)

Karl Marx mit seinen drei dicken blauen Bänden ist im Übrigen ein interessantes Beispiel für einen Kanon, der jahrelang, also in der DDR von 1949 bis 1989, also vierzig Jahre lang, karriererelevant war und dann innerhalb einer Woche verschwunden ist. Mit den drei Bänden wurden in den neunziger Jahren alle Berliner Flohmärkte geflutet. Die Fehler bzw. die Irrelevanz hätte man leicht erkennen können. Erstens mal steht in den drei dicken Bänden kein einziges Wort, wie denn die Wirtschaft organisiert werden soll, wenn die Expropriateure expropriiert sind, wie also die Allokation der Mittel erfolgen soll, wenn diese nicht über Preise gesteuert wird.  Zweitens hätte auffallen müssen, dass eine Wirtschaft nicht ohne Mensch funktioniert. Der Kapitalist ist bei Carlos Murx lediglich dadurch charakterisiert, dass er Kapital hat, was eigentlich Geld ist. Ansonsten kann er faul wie ein Faultier, so unkreativ wie eine Kuh und so dämlich wie ein Holzklotz sein. Er ist kein Unternehmer. Aber selbst, wenn einem das nicht auffällt, hätte den verbeamteten Marxisten, was nicht viel heißt, denn in der DDR waren alle verbeamtet, auffallen müssen, dass das System nicht funktioniert. Wir haben hier also eine extreme Form der Zitierwissenschaftler, wobei die Ähnlichkeiten zur derzeitigen Situation offensichtlich sind. Was dem einen sein Marx ist dem anderen sein Platon. Falsch liegt Marx auch, wenn er meint, dass er im Gegensatz zu den Philosophen die Welt nicht nur interpretiert, sondern auch verändert habe. Bei Marx ist ausschließlich das Kapital der Motor der Geschichte. Alles was irgendwie von Menschen kommt, Erfindungen, Ideen, Kreativität, Unternehmertum spielen keine Rolle bzw. nur insofern, als sie zur Akkumulation bzw. erweiterten Akkumulation des Kapitals führen. Des Weiteren spielen auch politische Bewegungen keine Rolle. Wieso die Proletarier dieser Welt nicht schlicht eine Partei wählen können, die die Verteilung nachträglich korrigiert, bleibt unklar. Dass manche Leute der Meinung sind, dass der Marxismus von China bis nach Südamerika und in Teilen Afrikas die Welt erobert hat, liegt lediglich daran, dass er in diesen Ländern der ideologische Überbau war, was aber nicht notwendigerweise heißt, dass er auch praktische Bedeutung hatte. Wer glaubt, dass der Tischlergeselle Honecker die drei Bände Marx gelesen und verstanden hat, der hat die drei Bände sowenig gelesen wie Stalin oder Che Guevara, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Abgesehen davon lassen sich aus den drei Bänden keinerlei praktische  Handlungsanweisungen entnehmen.

Zumindest in staatstragenden Reden sollen die Kontemplationswissenschaften dazu beitragen, die Welt, die Gesellschaft, die Geschichte, geistige Artefakte oder was auch immer zu erkennen bzw. zu verstehen. Zumindest das Programm ist also immer das gleiche wie auch bei Hegel, der Weltgeist will ja auch erkennen, wer er ist. Die Frage ist nur wozu? Wird danach gefragt, sind die Antwort Worthülsen. Die Geschichte z.B. soll Orientierungshilfen geben bzw. man soll aus der Geschichte was lernen. Wenn wir den Beginn der Geschichtsschreibung mit Herodot beginnen lassen, dann hatten wir inzwischen 2500 Jahre Geschichte, aus der wir Orientierungshilfen ableiten können. Wir können dann schon bei den alten Römern lernen, dass Sklaverei zumindest eine Zeitlang ein attraktives Geschäftsmodell war, weswegen die brasilianischen Plantagenbesitzer das Modell übernommen haben. Da hat also die Geschichte eine echte Orientierungshilfe geboten, aber wahrscheinlich hätten die dieses Geschäftsmodell auch ohne die Römer für sich entdeckt. Solange Aussicht auf Gewinn besteht, werden die Muster ad calendas graecas wiederholt, die Orientierung ist ohne jede Kenntnis der Geschichte immer gegeben. Da bestimmte Verhaltensmuster manchmal erfolgreich sind und manchmal nicht, sich also manchmal auszahlen und manchmal nicht, hängt es von der Einschätzung der Gewinnchancen ab, ob dem Muster gefolgt wird oder nicht. Manchmal führt aber auch eine Änderung der ökonomisch / technischen Basis dazu, dass ein völlig anderes Muster gefahren wird. Um Öl z.B. wird man wohl in Zukunft keine Kriege mehr führen, da die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückgehen muss. Um Kolonien wird man auch keine Kriege mehr führen, denn die sind ökonomisch hochgradig unrentabel. Textilien kann man heutzutage in Indien zu Sklavenlöhnen zusammennähen lassen, dafür braucht man das Land gar nicht erobern. Also wenn es um Orientierungshilfe geht, dann können wir die Abteilung Geschichtswissenschaft jetzt schließen. 2500 Jahre Orientierungshilfe muss reichen. Was bis jetzt nichts wurde, das wird auch in Zukunft nichts und der Orientierungshilfe wird auch nicht gefolgt, wenn die Interessen andere sind.

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