Die Kontemplationswissenschaften sind ein Sehnsuchtsort. Warum dem so ist, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich fühlt sich auch der harmlose und schlichte Jurist, der beim BMBF als verbeamteter Schreiberling tätig ist, emporgehoben und getragen, wenn er der geistlosen Plebs den Zugang zu den heiligen Hallen weist. Beim BMBF lesen wir.

Die Geisteswissenschaften, die in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen etwas zu sagen haben, sichern mit ihrer Arbeit die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft, die ein Zusammenleben orientiert an gemeinsamen Werten erst möglich machen. Sie leisten einen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis, sie gewährleisten die Grundlagen der Verständigung und Übersetzung zwischen Kulturen ebenso wie die Verständigung über gemeinsame Werte und Orientierungspunkte in den Teilbereichen der Gesellschaft. In der Wissenschaft selbst sind die Geisteswissenschaften gefordert, angesichts hochgradig differenzierter Wissensbereiche Zusammenhang herzustellen und zur ganzheitlichen Integration von Wissen beizutragen. Sie sind damit ein notwendiges Element in der Entwicklung zur Wissensgesellschaft.Darüber hinaus tragen die Geisteswissenschaften wesentlich zur Internationalisierung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft bei und sind mit ihrem spezifischen Fachwissen bei diesem Prozess unerlässlich.

Zusammengefasst: Die Geisteswissenschaften sind zuständig für das Wahre, Schöne und Gute und damit ist der verbeamtete Schreiberling sozusagen der Weihepriester, der dies verkündet, was sich günstig auf dessen Selbstbewusstsein auswirkt. Im Detail ist das zwar alles kaum empirisch belastbar, aber das ist weitgehend egal. Im besoffenen Zustand halten sich die meisten Leute für Genies. Zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen hat schlicht jeder was zu sagen, die Frage ist nur, ob der Beitrag auch sinnvoll ist. Welche kulturellen Grundlagen, welche Werte möglich machen, ist mindestens so unklar wie die Frage, inwiefern diese durch die Kontemplationswissenschaften gesichert werden. Der Schreiberling wäre auch nicht in der Lage an einem konkreten Beispiel zu erläutern, inwiefern die Geisteswissenschaften zu einer Verständigung über Werte und Orientierungspunkte beitragen, auch wenn wir ihm zugutehalten, dass Kulturen im Plural steht. Vor 1945 waren die Geisteswissenschaften vor allem für die deutschen Werte und die deutsche Kultur zuständig. Der Geist der Geisteswissenschaften ist ein ziemlicher flexibler Zeitgeist, der aber weniger durch Inhalt bestimmt ist, also durch eine unbestimmte Energie. Im besoffenen Zustand reden die Leute viel, wenn auch nicht viel Sinnvolles. Wir haben im besoffenen Zustand durchaus eine Bewusstseinserweiterung, besoffen sind die Leute zu jeder heldenhaften Tat fähig, allerdings fehlt das Moment der Erfahrung, das den Wörtern auch einen Sinn gibt. Ist der Geist leer und damit beliebig, sind es die Zeitläufe, die den Geist prägen und nicht der Geist die Zeitläufe. Das spezifische Fachwissen der Geisteswissenschaften ist dann vielleicht ein Verstärker der Zeitläufe, aber nichts, was diese inhaltlich bereichert. Mit Begriffen ist das wie mit dem  Stahl, sie werden im Feuer geschmiedet. Wenn nach dem Feuer nichts mehr übrigbleibt, dann war es Stroh. Ob Goebbels vor einem tobenden Saal von der deutschen Kunst raunt oder irgendein verbeamteter Schreiberling mit Jurastudium von den kulturellen Grundlagen schwadroniert, macht keinen großen Unterschied. In beiden Fällen hat der Verstand den Löffel abgegeben.

Hinsichtlich der hochgradig differenzierten Wissensbereiche hat unser verbeamteter Schreiberling wohl bei Heidegger abgeschrieben. Der palaverte in seiner Rektoratsrede 1934 auch schon von Verkapselung der Wissenschaften in gesonderte Fächer, die jetzt unter der gestrengen Anleitung des Führers wieder rückgängig gemacht werden sollte, damit das deutsche Wesen wieder erblühe. Vielleicht hat er auch von Humboldt abgeschrieben, aber letztlich ist das egal, denn die DFG, die vom BMBF finanziert wird, wird jeden Antrag auf Förderung ablehnen, wenn er von einem Universaldilettanten gestellt wird. Interdisziplinarität schlägt sich in neuen Fachrichtungen nieder, Biophysik, Bioinformatik, Biochemie, Astrophysik, Computerlinguistik, Wirtschaftsinformatik etc., wenn dies fachlich und inhaltlich  sinnvoll  ist.  Weder  Heidegger  noch  Humboldt  sind  da relevant.

Davon abgesehen hat der Autor schon die Erfahrung gemacht, dass ein Romanistik Professor gnadenlos überfordert ist, wenn in einer Seminararbeit Adorno auftaucht. Das ist dann ein anderes Fach. So was geht allerhöchstens, wenn in der Prüfungsordnung fachfremde Scheine anerkannt werden. Die Aussage, dass die Geisteswissenschaften eher interdisziplinär aufgestellt sind, ist völliger Blödsinn. Selbst bei Wirtschaftsgeschichte, das gibt es als Fach, darf man bei den Professoren weder auch nur grundlegende Kenntnisse in Makroökonomie erwarten, noch dass sie die grundlegende Werke, Adam Smith (Wealth of Nations), Alfred Marshall (Principles of Economics), David Ricardo (On the Principles of Political Economy and Taxation), Jean Baptiste Say (Traité d’économie politique) etc. kennen, geschweige denn gelesen haben. Was Interdisziplinarität angeht, sind die Natur- und Ingenieurswissenschaften viel weiter, was auch schlicht daran liegt, dass die Komplexität derartig hoch ist, dass es ohne Kooperation nicht mehr geht. Bestimmte Analysen z.B. können nur von hochspezialisierten Spezialisten durchgeführt werden, die anderen Forschungsgruppen, die auf deren Ergebnisse angewiesen sind, zuarbeiten.

Unstrittig spielt der Geist in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Was ist los mit einer Gesellschaft, die ein hochgradig effizientes Mittel zur Informationsbeschaffung und Informationsvermittlung, das Internet, an die Hand bekommt und letztlich bei Facebook und Twitter landet? Was ist los mit einer Gesellschaft, die moderne Kommunikationsmittel mehr zum sinnfreien Spielen und herumballern nutzt, als zur Bewusstseinserweiterung? Was ist los mit Politikern, die das Internet vor allem als Medium zur Verbreitung von hate speech sehen und die ganze Diskussion in den achtziger Jahren über die Bildzeitung schon vergessen haben, die auch geflissentlich übersehen, dass es nach wie vor die Massenmedien sind, die die öffentliche Debatte bestimmen? Wie kann es sein, dass trotz der Präsenz des Kanons in den Schulen, die Kids von Strömungen wie dem Rap erfasst werden, die mit ihrer Lebenswirklichkeit gar nichts zu tun haben. Schwer verständlich ist, warum die Kids sich auf einmal mit völlig verblödeten Losern identifizieren, die von Goldkettchen, Maseratis und Bitches phantasieren, die sie nie haben werden. Im Vergleich dazu ist der Spießer, der zum Bildungsbürgertum gehören will, geradezu sympathisch.

Ein Thema für die Geisteswissenschaften könnte sein, dass jeder Punkt der Erde zwar inzwischen für jedermann erreichbar ist, aber jeder Punkt der Erde zunehmend gleich ist. Ob das Kreuzfahrtschiff durch die Antillen schippert oder das Mittelmeer, ist weitgehend egal, ein Ressort in Playa del Carmen sieht so aus, wie ein Ressort in Tunesien und ein Haufen Steine sind ein Haufen Steine, ob es die Pyramiden sind in Ägypten bzw. México oder  Machu Pichu, ist weitgehend egal. Steine schweigen nun mal beharrlich vor sich hin und sind stumm wie ein Fisch. Geisteswissenschaften könnten Begriffe auf Authentizität, auf Erfahrungsgehalt, abklopfen, tun aber das Gegenteil. Die pseudowissenschaftliche Produktion von Worthülsen leistet der Verwendung von Worthülsen noch Vorschub. Und ja, es gibt im Alltag Probleme. Der humboldtsche Mensch hat am Fließband ein Problem. Hier könnten die Geisteswissenschaften auf dessen Rechte beharren, andernfalls verabschiedet dieser sich nämlich von dem Kanon, der seinen Alltag lediglich verkompliziert. Hier steckt ein Problem, das man aber nur erkennt, wenn man eine gewissen Berufs- und Lebenserfahrung hat, die man allerdings in der universitären Wärmestube nicht erhält.

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