Dem Geist wird immer mal wieder eine enorme Kraft zugesprochen. Franz Marc z.B. meinte, dass der Geist Burgen breche. Die Kraft des Geistes finden wir auch auf T-Shirts behauptet: Nichts ist mächtiger, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Bedauerlicherweise trifft das auch auf den Wahnsinn zu. Der Herr H. aus Braunau hat kraft des wahnsinnigen Geistes tatsächlich und im ureigensten Wortsinne Burgen gebrochen, am Schluss zum Wohle der Menschheit Gott sei Dank seine eigenen. Also was das Brechen von Burgen angeht, ist Ungeist so effizient wie der Geist. Eine andere Liga ist der Geist, den Lenau beschreibt in seinem Faust.

O greife weiter, weiter, Sturm,
Und nimm auf deine starken Schwingen
Den höchsten Stern, den tiefsten Wurm,
Uns endlich alle heimzubringen!

Hier wird höchst abstrakt ein Ziel formuliert: Endlich alle heimzubringen. Mit Heimat können jetzt wenig Leute irgendetwas Konkretes verbinden, bzw. nichts, was besonders spannend wäre. Die AfDler meinen zwar, dass Heimat ein tolles Ding ist, aber Fakt ist, dass die eingeschränkten Reisemöglichkeiten zum Zusammenbruch der DDR ganz wesentlich beigetragen haben. Die Vertrautheit der Heimat ist eben vor allem Ödnis. Auch die Muttersprache ist ja weniger Heimat, als Gefängnis. Wer auf sie beschränkt ist, dem sind Grenzen gesetzt. Wer mit dem Begriff Heimat, der in der Philosophie teilweise emphatisch aufgeladen ist, etwas anfangen will, muss es dem Gegenstück entgegensetzen, dem Horror. Der Horror, das zeigt uns jeder Horrorfilm, beschreibt eine völlig unbeherrschbare und undurchschaubare Welt, die der Mensch nicht beeinflussen kann und in der nichts vertraut ist. Der Horror ist sozusagen die Steigerung von Entfremdung. Bei der Entfremdung passt sich das Subjekt an das Objekt an, was immerhin noch eine Überlebensstrategie ist, beim Horror ist das Subjekt dem Objekt völlig ausgeliefert. Im politischen Umfeld allerdings, vor allem im Nationalsozialismus, war der Begriff eine reine Worthülse, zur Durchsetzung maximaler Fremdbestimmung, also Horror. Die Worthülse ist nicht leer im eigentlichen Sinne, denn sonst wäre sie wirkungslos. Die Worthülse ist eine Projektionsfläche, ähnlich wie eine Nationalfahne. Der Begriff Bildung ist eigentlich vollkommen inhaltsleer, dient aber als Projektionsfläche von Sehnsüchten knapp unter der Schwelle des Bewusstseins. Die Worthülse bezeichnet in der Regel etwas, was mit Erfahrung unterlegt sein könnte, dies aber tatsächlich nicht ist. Insofern ist auch die Worthülse Ausdruck einer Suche, wobei die Suche selber, zumindest wenn die Worthülse nicht reine Ideologie ist, wiederum das Resultat eines Spannungsfeldes zwischen Subjekt und Objekt ist.

Was mit dem höchsten Stern und dem tiefsten Wurm gemeint ist, ist etwas unklar, aber auf jeden Fall wird damit das breitest mögliche Spannungsfeld beschrieben. So ein ähnliches Bild haben wir auch in Goethes Faust: Vom Himmel fordert er die höchsten Sterne / und von der Erde jede tiefste Lust. Der Sturm, also auch so eine Art Geist, soll dieses weite Spannungsfeld in die Heimat bringen, also möglich machen. Wenn man jetzt unter alle die ganze Menschheit versteht, dann wird vage auf jeden Fall mal ein anspruchsvolles Ziel formuliert. Etwas, was noch nie da war, und was auch nur der Geist in die Welt bringen kann.

Das erklärt teilweise, warum die Geisteswissenschaften so eine griesgrämige Angelegenheit sind. Eher unbewusst als bewusst gehen Geisteswissenschaftler davon aus, dass wissenschaftliche Thesen aus Fakten ableitbar sein müssen bzw. das Resultat von Fakten sind, auch wenn diese Fakten nur darin bestehen, dass irgendjemand dasselbe oder ähnliches schon mal gesagt hat. Fakten können in diesem Kontext aber auch ein wildes Sammelsurium sein. Das geistige Werk soll dann vor dem Hintergrund der geschichtlichen, sozialen, wirtschaftlichen, psychologischen und biographischen Daten erschlossen werden. Das radikal Neue ist aber nicht durch Fakten, auch nicht durch an den Haaren herbeigezogenen, untermauert. Die Ode an die Freude von Schiller ist nicht durch Fakten gedeckt, sie ist radikal neu. Was beschrieben wird, war noch nie da.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Dass hier eine Wahrheit beschrieben wird, also etwas Authentisches, können wir nur der Tatsache entnehmen, dass die Verse berühmt sind. Sie wären es wohl auch, wenn Beethoven die Verse nicht vertont hätte. Wenn etwas spontan intersubjektiv von Millionen Leuten verstanden wird, dann kommt ihm ein Wahrheitsgehalt insofern zu, als es verstanden wird. Entspricht ihm rein gar nichts, kann es nicht mal Worthülse sein.

Der Vers „was die Mode streng geteilt“ könnte zwar als Nachhall der französischen Revolution interpretiert werden, wo tatsächlich die ständisch organisierte Gesellschaft zusammenbrach, aber nicht die Abschaffung der rechtlichen Rahmenbedingung hat diese Teilung abgeschafft, sondern die Freude. Welche persönlichen Erfahrungen Schiller hier zum Ausdruck bringt und zur universalen Kraft erweitert, ist völlig unklar. Vermutlich der intuitive erlangte Eindruck, dass eine in Konventionen erstarrte Gesellschaft eine völlig entfremdete Gesellschaft ist. Tatsächlich können wir feststellen, dass die Abschaffung der Konventionen nach dem zweiten Weltkrieg zu einer größeren Durchlässigkeit zwischen Religionen, Nationalitäten, sozialer Stellung, Hautfarben etc. geführt hat. Die Menschen sind also heute eher Brüder und Schwestern als vor 200 Jahren. Von Konventionen befreit, verhalten sich Menschen spontaner. Das konnte Schiller 1785 aber nicht wissen. Er konnte es höchstens ahnen.

Ist der Inhalt eines geistigen Artefaktes reine Intuition, dann lässt sich schlicht gar nichts darüber sagen. Eine Wissenschaft vom Geist kann es von daher, insofern es darum geht, den Inhalt einer geistigen Schöpfung zu erfassen, schlicht nicht geben. Weder Schiller noch Lenau hätten an irgendeiner Universität mit ihren Gedichten promovieren können, obwohl es darüber inzwischen einige Tausend Doktorarbeiten gibt, die allerdings niemanden interessieren. Damit die Geisteswissenschaften also Wissenschaft sein können, müssen sie sich mit dem beschäftigen, was sich irgendwie durch Fakten darstellen lässt, auch wenn diese Fakten lediglich aus Zitaten bestehen. Wunderschöne Doktorarbeiten, Hunderte und Tausende, könnte man z.B. über die Stellung Schillers zur französischen Revolution schreiben und dabei irgendwie die Ode an die Freude gleich mitverwursten. Man könnte auch ein paar Hundert Doktorarbeiten über Schillers Wallenstein schreiben und peinlich genau nachprüfen, ob die historischen Fakten korrekt dargestellt sind. Das würde aber keinen Aufschluss geben über Verse dieser Art.

Ja, der verdient, betrogen sich zu sehn,
Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
Mit schnell verlöschten Zügen schreiben sich
Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
Nichts fällt in eines Busens stillen Grund,
Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Säfte,
Doch keine Seele wärmt das Eingeweide.

Was die Wirkung angeht, ist Wissenschaftlichkeit schlicht egal. Führt die Wissenschaftlichkeit dann auch noch zu Beliebigkeit, weil die Auswahl der Themen durch keine Relevanz mehr verankert ist, dann wird es obendrein teuer und für die Beteiligten trostlos. Das ist der Unterschied zu den Natur- und Ingenieurswissenschaften. Die Front der Natur- und Geisteswissenschaften bewegt sich langsam nach vorne, die Fortschritte sind empirisch belastbar darstellbar. Die Intuition ist da maximal ein Geistesblitz. Allerdings haben die Natur- und Ingenieurswissenschaften ein massives Interesse daran, die Front nach vorne zu schieben, denn nur dann kann man damit Geld verdienen, in Lehre, Forschung und Anwendung. Ist hier kein Erfolg zu verzeichnen, dann macht es die Konkurrenz. Der Horizont der Natur- und Ingenieurswissenschaften ist zwar eng, ins Blickfeld geraten nur die Probleme, die sich unmittelbar aus dem jeweiligen Stand der Forschung und Technik ergeben, aber das hat bald noch mehr Romantik, als das, was wir in den Geisteswissenschaften finden.

Man müsste eigentlich vermuten, dass die Geisteswissenschaften mit derselben lockeren Hand Entwürfe großer Ankunft hinwerfen wie die Popkultur oder Hollywood, wo das happy end ja Programm ist, schließlich nennt man das auch Traumfabrik. Das ist aber nicht der Fall, in keinem Kanon dieser Welt, egal ob es sich um den spanischen, italienischen, englischen, französischen, deutschen, portugiesischen Kulturraum handelt. Der Kanon erzählt von Pleiten, Pech und Pannen. Ob Emilia Pardo Bazán, Benito Perez Galdos, Leopoldo Alas, Cesare Pavese, Alberto Moravia, Jane Austen, Joseph Conrad, Herman Melville, Emil Zola, Stendhal, Flaubert, Thomas Mann, Hermann Hesse, Heinrich Böll, Aluisio Azevedo, Bernardo Guimarães etc. etc. alles ein einziges Jammertal. Wahrscheinlich ist das weltweit so. Arundhaty Roy beschreibt das indische Elend, Nagib Machfus das ägyptische und Orhan Pamuk bzw. Yaşar Kemal das türkische. Wahrscheinlich ist das deshalb so, weil sich Dichter und Denker zunehmend, zumindest seit dem 19. Jahrhundert, als Kritiker der Gesellschaft verstehen, weil sie mit ihren Büchern aufrütteln wollen und folglich eine bestimmte Perspektive einnehmen. Gelingen hat man in die Literatur für Kinder verschoben. Es würde bei den meisten Büchern auch nicht schwerfallen, die Teile umzudichten. Tony Buddenbrook hätte ja auch aus den starren Konventionen ausbrechen können und Morten Schwarzkopf heiraten können. Thomas Buddenbrook hätte mit seinem Geld etwas Vernünftiges machen können, anstatt sinnfrei die ganze Knete in Ziegelsteinen zu verbauen. Literaturwissenschaftler werden das jetzt ausgiebig anhand von Fakten analysieren. Leute, die das unvoreingenommen lesen, würden schlicht sagen, die family Buddenbrook hatte eine Meise auch wenn es dafür den Nobelpreis gab. Interessant sind die Kommentare zu den Buddenbrooks bei Amazon. Die Wertschätzung des Werkes ergibt sich weitgehend aus dem Kanon, zumindest wird dessen Zugehörigkeit zum Kanon immer wieder genannt, obwohl damit eigentlich nichts Inhaltliches gesagt wird und die Bedeutung für den jeweiligen Kommentator auch nicht ersichtlich ist. Im Vordergrund steht der Wunsch, sich einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen.

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