-Absolut gut, wenn man bedenkt, dass Mann diesen Roman mit Achtzehn [eigentlich 25, Anm. des Verfassers] Jahren geschrieben und dann noch dafür den Literaturnobelpreisträger bekommen hat! Ein Muss!
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-Das hier ist ein Zeugnis unserer Vergangenheit. Lesen. Jeder. Bitte.Nicht jedem gefällt Thomas Mann. Sein Stil. Seine Art. Seine Ideen. Sie haben aber geprägt und tun das noch heute. Nicht umsonst ist Buddenbrooks immer mal wieder Teil der Abitur – Leistungskurs – Klausuren im Fach Deutsch.Aber auch über das Geknechte in Schulräumen kann man hier das Leben einer alten, deutschen Familie im Zuge der Industrialisierung erleben. Ist interessant, bildet und kostet nicht die Welt.
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-Einfach ein Klassiker! Sollte man mal gelesen haben – teilweise ist es natürlich etwas zäh, aber wenn man erst mal die Familienkonstellation durchblickt hat, ist es spannend und auch unterhaltsam!

Vermutlich haben die Geisteswissenschaften wenig Interesse daran, die unreflektierte Akzeptanz des Kanons durch bestimmte Bevölkerungsgruppen in Frage zu stellen, denn aus dieser Akzeptanz ziehen sie den letzten Rest an Legitimität unabhängig von den Zielen, die mit diesem Kanon verfolgt werden.

Die Worthülsen an sich sind nicht kritisch. Jedem Tierchen sein Plaisierchen. Kritisch werden sie erst, wenn sie Ausdruck der Volksseele werden oder den sozialistischen Menschen beschreiben, wenn die Geisteswissenschaften Orientierungshilfe und Wertevermittlung leisten sollen oder was auch immer die Leute dazu bringt, hinter einer Fahne herzurennen. Die Worthülse ist dann Ausdruck der Beliebigkeit, die sich für nichts begeistert, aber für alles begeisterbar ist.

Zu vermuten ist, dass der größere Teil der Gesellschaft die Zusammenhänge durchschaut und intuitiv erfasst hat, dass wir es hier nicht mit interesselosem Wohlgefallen à la Schiller zu tun haben, sondern mit interesselosem, beliebigem, pseudowissenschaftlichem Geschwätz zur Erlangung des Beamtenstatus. Die Geisteswissenschaften bedienen noch die Feuilletonleser der FAZ oder die Konsumenten von Arte, aber nicht die Mehrheit. Der universitären Karriere wären radikale Fragestellungen sicherlich nicht förderlich, weil diejenigen, an die sie gerichtet wären, diese nicht beantworten könnten und dem Fragesteller Desinteresse am Fach unterstellen würden, wenn nicht noch Schlimmeres. Das wiederum bewirkt, dass das Personal vom Typ her immer das gleiche bleibt und die Blase langfristig finanziell ausgetrocknet wird. Dem schrumpfenden Personalbestand wird dann zwar die grundgesetzlich gesicherte Freiheit der Forschung und Lehre garantiert, aber die Stellen fallen weg und Taxi fahren kann man auch ohne Doktortitel.

Damit der Geist Burgen bricht, muss er ernsthafte Themen radikal aber unterhaltsam abhandeln. Marlene Dietrich, Joan Baez, Bob Marley, Janis Joplin, Eduardo Auto etc. etc. sind zwar nicht kanonisiert, erreichen aber ein Milliardenpublikum und die Fragen sind radikal.

Oh lord won’t you buy me a color TV.
Dialing for dollars is trying to find me.*
I wait for delivery each day until 3.
So oh lord won’t you buy me a color TV.

* Gewinnspiel im Fernsehen. Es wird eine Telefonnummer gezogen und die Leute dann angerufen. Sind sie erreichbar, haben Sie was gewonnen.

Das ist sozusagen die Kurzform von „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman. Von Gott wird nicht viel gefordert, er soll einen Farbfernseher besorgen, damit sie sich irgendwelche Gewinnspiele anschauen kann. Die Hoffnung ist nicht ein größeres Engagement und persönlicher Einsatz, sondern die Lotterie. Das Grundproblem ist aber bei den Wellen, die Milliarden Menschen erfassen das gleiche wie beim Kanon. Bob Dylan wird aus der Zeit heraus verstanden.

Come gather ‚round people wherever you roam
And admit that the waters around you have grown
And accept it that soon you’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin‘
Then you better start swimmin‘ or you’ll sink like a stone
For the times, they are a-changin‘

Das Lied nennt an keiner einzigen Stelle einen konkreten Sachverhalt, die message wurde aber 1964 spontan erfasst. Es mag ein spontanes, diffuses Vorverständnis gegeben haben bzgl. der notwendigen Änderungen, z.B. Beendigung des Vietnamkrieges, aber konkret wird es nicht genannt. Die Zeiten, die sich ändern ist ähnlich schwer fassbar, wie der Sturm, der die Verhältnisse grundlegend ändern soll. Die Wahrheit bzw. die Authentizität, ergibt sich allein aus der Tatsache, dass es Hunderten von Millionen von Menschen einleuchtet. Der Anker ist die Authentizität, das ist nicht beliebig.

Die zwei Beispiele, Lenau und Bob Dylan beschreiben Aufbruch, allerdings so abstrakt, wie das Motiv der 9. Symphonie von Dvořák. Wir wissen natürlich wer Bob Dylan war, und dass er für Werte eintrat, die jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, teilt, zumal die Ablehnung dieser Werte, z.B. die Heroisierung des Krieges, Rassismus, übergriffiger Staat bei rationaler Bewertung ein erhebliches Konfliktpotential birgt.

Der eigentliche Inhalt, Inhalt verstanden als einen konkreten Sachverhalt, der sich bei rationaler Durchdringung der Verhältnisse als logisch problematisch bzw. mit dem Wertesystems des Autors inkompatibel darstellt, bleibt unbestimmt. Der Nationalsozialismus z.B. sah, zu Recht oder Unrecht, in Stefan George den Künder einer neuen, bzw. ihrer Zeit.

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich
kein schatz der ihm mangelt kein glück,
das ihm weicht zu grund mit dem rest der empörer!
Ihr jauchzet – entzückt von dem teuflichen schein
verprasset was blieb von dem früheren seim
und fühlt erst die not vor dem ende
Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog
irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof
und schrecklich erschallt die posaune.

Der Fürst des Geziefers kann jetzt auch der globalisierte Kapitalismus sein, wo die enge Bindung an die Scholle im Sinne der Blut und Boden Lyrik verloren gegangen ist, der Seim, also Saft, fehlt und die Individuen bindungslos durch die Welt irren. Sprachlich drei Stockwerke weiter unten finden wir das Phänomen dann auch bei Rammstein, wo die Massen keuchen, wenn nur das R gerollt wird oder eben bei der AfD, wo der Begriff Heimat, deutsche Sprache und der ganze Quark mit irgendwas aufgeladen wird, wobei allerdings niemand weiß, mit was.

Der Geist ist ein kaum fassbares Ding, man weiß nicht wo er herkommt, man weiß nicht, was er bedeutet, wenn er sich in konkreten geistigen Artefakten manifestiert und man weiß auch nicht, was er eigentlich intendiert. So richtig logisch erklären lässt sich nicht mal, wieso überhaupt ein Bedarf an Geist besteht. Wir wissen nur, dass er begeistert, aber warum eigentlich? Also die Ausgangslage ist, was das verstehen angeht, verstehen im Sinne eines rational nachvollziehbaren Argumentationsmusters gestützt auf Logik oder empirischen Daten, denkbar schlecht. Eigentlich ist es noch schlimmer: Würde man ihn verstehen, bräuchten wir ihn nicht. Wir könnten dann die Geisteswissenschaften in die Psychologie, Neurophysiologie, Psychiatrie, Biologie, Endokrinologie, Computerlinguistik etc. integrieren. Mit ihrem Beharren auf verstehen sind die Geisteswissenschaften dabei, sich selber abzuschaffen.

Die Geisteswissenschaften können aber einen Beitrag dazu leisten, die Dinge einzuordnen. In diesem Sinne könnten die Geisteswissenschaften sogar einen Beitrag zur Orientierung und Wertevermittlung leisten. Hilfreich wäre hierbei, nur noch Wörter zu verwenden, die durch Erfahrung gedeckt sind und Wörter zu vermeiden, die innerhalb einer Gruppe lediglich Projektionsfläche sind, ohne dass sie konkret etwas bedeuten. Wörter, die lediglich eine Gruppenzugehörigkeit attestieren und die lediglich deshalb verwendet werden können, weil sie von der Gruppe akzeptiert werden, kann man aussortieren. Wenn Heidegger anlässlich seiner Ernennung zum Rektor der Freiburger Universität im Jahre 1933 das Publikum fragt, ob es hinsichtlich „des geistigen Auftrages der das deutsche Volk in das Gepräge seiner Geschichte zwingt“ ausreichend informiert sei, so ist die Antwort völlig klar. Es hatte davon keine Ahnung, weil man völligen Schwachsinn schlicht nicht verstehen kann. Da aber Goebbels hier schon vorgearbeitet hatte, wusste jeder, dass die Universitäten jetzt gleichgeschaltet waren. Es sei konzediert, dass die Ansichten eines griesgrämigen Greises nicht interessant sind, aber wenn sich täglich eine Flut an Textbrei über die Gesellschaft ergießt, dann kann man sich schon mal die Frage stellen, wie hoch der Anteil der Bevölkerung ist, der schlicht nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

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