Einen Beitrag zur Orientierung und Wertevermittlung können die Geisteswissenschaften aber nur dann bieten, wenn die Akteure selber Werte haben, denn nur dann ist eine Entscheidung über Relevanz und Irrelevanz möglich. Wer ein paar Jahre lang über „kulturelle und kognitive Faktoren des kontaktinduzierten Sprachwandels in Asturien“ philosophiert, ein reales Beispiel, der wollte offensichtlich lediglich seinen Namen verlängern, das Thema war ihm offensichtlich egal. Genauso gut hätte er auch über die kulturellen und kognitiven Faktoren des Sprachwandels in Rio Grande do Sul (Spanisch <=> Portugiesisch), Grenzgebiet Schwäbisch <=> Bayrisch (Allgäu), Alemanisch <=> Schwäbisch (Südschwarzwald), Hindi <=> Urdu (Indien), Dari <=> Paschto (Afghanistan), Tigri <=> Amharisch (Äthiopien), Amharisch <=> Oromo (Äthiopien), Spanisch <=> Quetchua (Bolivien), Arabisch <=> Persisch (Südiran), Kurdisch <=> Persisch (Norwestiran) etc. etc. etc. promovieren können. Der Ansatz reicht locker für Hunderttausend Promotionen. Zu demselben Ergebnis wie das pseudowissenschaftliche Geblubbere kommt aber jeder, der über das Spannungsfeld zwischen dominanter Sprache, in diesem Falle Spanisch, und lokaler Sprache, in diesem Falle asturiano, nachdenkt. Ohne Ziel ist alles gleichermaßen schön bzw. gleichermaßen egal, aber auf jeden Fall langweilig.

Des Weiteren können die Geisteswissenschaften auch nur dann einen Beitrag zur Orientierung und Wertevermittlung geben, dieses Ziel wird ja immer wieder genannt, wenn es sich um ein relevantes Problem handelt. Bezüglich der kulturellen und kognitiven Faktoren des kontaktinduzierten

Sprachwandels in Asturien können wir auf Orientierung und Wertevermittlung verzichten, bzgl. dieser Frage können wir auch völlig desorientiert sein, das macht gar nichts.

Wenn die Geisteswissenschaften der Beliebigkeit der Unterhaltungsindustrie nur eine Beliebigkeit entgegensetzen können, die nicht mal unterhaltsam ist, dann braucht man sie nicht. Orientierung und Wertevermittlung ist nur dann relevant, wenn es um gesellschaftlich relevante Fragen geht, also um Fragen, die die Menschheit auch außerhalb der Blase beschäftigen und hier steckt das Problem. Geisteswissenschaftler haben in den allerseltensten Fällen Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Blase. Das führt dazu, dass sie die Beliebigkeit der Fragestellungen in der Blase für selbstverständlich halten. Das dicke Ende kommt dann, wenn sie die Blase verlassen müssen, was der Regelfall ist, denn Stellen an der Uni sind rar. Gehen sie an Schulen, sind sie noch in einer Welt, wo der Kanon noch Gültigkeit hat, wenn er auch von den Schülern radikal in Frage gestellt wird. Die Frage nach den antiken Quellen und Vorbilder von Gerhart Hauptmanns Atriden-Tetralogie, eine weitere Dissertation, ist für Schüler keine relevante Fragestellung. Eine relevante Frage wäre, ob der Bahnwärter Thiel anschlussfähig ist oder ob man ihn nicht besser beerdigt.

Der Bildungsbegriff der Geisteswissenschaften ähnelt dem Bildungsbegriff, der den zahlreichen Quizsendungen à la „Wer hat am meisten Müll im Hirn“ zugrunde liegt. Die Frage nach dem Namen des Erzählers im Doktor Faustus von Thomas Mann ist da ähnlich relevant oder irrelevant wie die Frage, in welchem Länderspiel Maradona mit der Hand den Ball ins Tor bugsierte oder wo Howard Carpendale geboren wurde. Wird Bildung gemessen wie die Wurst an der Wursttheke, spielt das Kriterium Relevanz keine Rolle mehr, dann haben sich die Geisteswissenschaften selber abgeschafft. Wird die Frage nach der Relevanz gestellt, stellt sich naheliegenderweise die Frage nach der Position, die man gegenüber der Gesellschaft einnimmt, denn hieraus ergibt sich die Relevanz. Nur wenn man bestimmte Entwicklungen als problematisch erachtet, bzw. bestimmte Entwicklungen begrüßt, sind bestimmte Fragestellungen relevant. Wer gar keine Fragen stellt, bzw. nur Fragen, die sich außerhalb der Blase schlicht nicht stellen, erwartet auch keine relevanten Antworten. Wem alles egal ist, der hat eben keine Präferenzen. Wer z.B. davon ausgeht, dass Dichtung nicht von der außersprachlichen Wirklichkeit getrieben wird, sondern sich aus der Intertextualität ergibt, der wird ein Problem mit der real existierenden Wirklichkeit haben, denn dort werden Antworten auf ganz konkrete Fragen gestellt, die ziemlich grob und hart gestellt werden. Intertextualität bedeutet eben Beliebigkeit. Eine Hirnblähung à la „Die Darstellung kontrastiver Intertextualität in Alltagstexten. Eine textlinguistische Untersuchung unter

Berücksichtigung der Frame-Semantik“ ist eben hochgradig irrelevant und weder der arme Autor noch derjenige, der das korrigieren muss, sind begeistert und außer diesen Zweien ist an dem Vorgang niemand beteiligt. Etwas Sinnloses zu tun, das nicht mal Spaß macht, ist etwas gaga. Den Autoren solcher Studien meist gar nicht bewusst, bedeutet Intertextualität die Produktion von Worthülsen, also von Begriffen, denen das fehlt, was den Begriff nun mal ausmacht, die Erfahrung.

Der Blick der Geisteswissenschaften auf die Gesellschaft kann also, so die Inhalte nicht beliebig sind, gar nicht wertfrei sein, wobei man aber nur dann Stellung zu gesellschaftlichen Tendenzen nehmen kann, wenn eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Blase vorhanden ist, was aber bei Vertretern dieser Fachrichtung eben fast nie der Fall ist. Die Beliebigkeit ist ziemlich geistlos und ziemlich langweilig.

Was uns dann zur nächsten Frage führt. Was passiert, wenn der Geist abwesend ist?

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