Geistige Artefakte, vor allem in der Literatur, künden meistens vom Scheitern. Egal ob der Untertan, El árbol de la Ciencia, Lord Jim, L’assomoir, La bella estate es gibt kaum Romane, wo große Ankunft ist, wo Leute durch ungewöhnliches Verhalten mal ein Problem lösen, anstatt durch gewöhnliches Verhalten welche zu schaffen. Jede gut sortierte Buchhandlung hat mindestens 1 Million Argumente, warum sich die Menschheit eigentlich kollektiv die Kugel geben könnte.  Das scheint die Kontemplationswissenschaftler aber nicht zu stören, denn sie beschäftigen sich nicht mit dem Leben, sondern mit der Textproduktion. Die Thematik ist weitgehend egal. Nach der neuesten Mode ergibt sich der Sinn aus der Intertextualität, die Texte sind also eine Metawelt, ohne Bezug zum Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt. Texte generieren Texte. Siehe unten.

Über das irdische Jammertal kann man schreiben, das ist legitim. Radikale Ablehnung ist der Beginn des Aufbruchs. Bekanntlich wäre Faust ja gar nicht aufgebrochen, wenn er lediglich eine Beamtenstelle angestrebt hätte, die hatte er ja schon. Allerdings verfolgt der Beamte, wenn wir in der Logik des Fausts bleiben, nicht Gottes Willen. Selbiger hat nämlich offensichtlich keinen Plan, wohin die Reise gehen soll, weswegen Faust sein Knecht ist, der soll das mal herausfinden, mit freundlicher Unterstützung von Mephistopheles.

Große Ankunft ist außerhalb des Horizontes der Kontemplationswissenschaftler. Ernst Bloch hatte nur eine kurze Karriere in der DDR, er sprengte den Kanon. Ähnlich kurz war seine Karriere in der BRD. Da kennt man in den Kontemplationswissenschaften inzwischen nur noch den beliebigen Narrativ, aber keine Ankunft. Das Problem ist, dass sich für den Narrativ niemand interessiert und erst recht nicht der Steuerzahler, der es bezahlen muss.

In der engen Lebenswirklichkeit der Kontemplationswissenschaftler kommt große Ankunft gar nicht vor und der Versuch, diese zu realisieren erscheint als Kitsch. So was kann es nur in der Kinder- und Jugendliteratur geben. Jim Knopf besiegt den bösen Drachen und die wilden Dreizehn, Robinson Crusoe kommt mit der schwierigen Situation irgendwie klar, Pippi Langstrumpf haut eh alle in die Pfanne und Emil gründet eine Privatdetektei aus ambitionierten jugendlichen Amateuren, die den Fall lösen und sich nicht unterkriegen lassen. Das ist mehr als sapere aude. Das ist zupacken. Mit sapere aude ist im Übrigen eh nicht viel geholfen. Was wir brauchen ist eine Verschärfung des Informationsfreiheitsgesetzes. Wenn jede Anfrage letztlich vor Gericht durchgesetzt werden muss, man an die interessanten Informationen nicht rankommt, weil es jemanden gibt, der diese eben nicht rausrücken will, dann nützt sapere aude auch nichts. Es fehlen schlicht die Informationen, die zu einer Beurteilung der Sachlage nötig sind.

Der wahre Intellektuelle hat die Nichtigkeit allen menschlichen Strebens begriffen und tut folglich am besten nichts mehr. (Außer eben zu versuchen einen Posten als verbeamteter Kontemplationswissenschaftler zu ergattern, das ist dann, was die Wirkung angeht, so gut wie nichts.) Die große Ankunft hat sich ins Kino verlagert. Da ist das ja inzwischen sogar Adjektiv geworden. Die Steigerung von phantastisch ist ganz großes Kino.

Pessimismus ist die zur Kontemplationswissenschaft passende Einstellung, denn der Pessimist glaubt an das Scheitern und braucht folglich nichts zu tun. Außer eben sinnfreie Seminare zu halten und in irgendwelchen Forschungssemestern irgendwas für den Papierkorb zu produzieren und das allgemeine Elend zu betrachten. Hoffnung ist anstrengend. Hoffnung kann dadurch begründet sein, dass sich der Lauf der Dinge ohne weiteres Zutun bessert, aber auch darauf, dass man durch eigenes Tun, was ja mit Arbeit verbunden ist, etwas ändern kann. Pessimismus ist die Überzeugung, dass alles immer schlimmer wird und man nichts tun kann, woraus dann folgt, dass man nichts tut. Außer eben zuschauen.

Der Kanon ist, sieht man von Ernst Bloch ab, der zwischenzeitlich marginalisiert wurde, eine einzige Litanei des Jammerns. Bei Platon lernen wir, dass wir nichts wissen können, da wir immer nur das Abbild von etwas sehen, bei Hegel ist am Ende das, was am Anfang schon da war, nur eben bewusst, bei Marx werden irgendwann die Expropriateure expropriiert, was dann passiert bleibt unklar, Nietzsche gibt sich reichlich Mühe, uns zu erklären, dass die Wiederkehr des ewig Gleichen eine tiefe Einsicht ist, bei Heidegger ist der Mensch verloren in der Geworfenheit und das Nichts nichtet. Bei soviel Nichtigkeit, kann man auch gleich eine Lobeshymne auf den Führer singen. Bei Trostlosigkeit wohin das Auge reicht, kann man sich auch gleich die Kugel geben. Bei Theodore Dreiser und bei Zola steuert sowieso alles unaufhaltsam auf ein finale furioso hin. Egal ob Light in August, El árbol de la ciencia, Il fu Mattia Pascal, Un barrage contre le pacifique oder was auch immer, das Scheitern ist Programm, aus welchen Gründen auch immer. Bleibt noch die Religion, die hat das summum bonum ins Jenseits verlagert. Da ist es zwar sicher aufgehoben, aber leider so unerreichbar wie das Gold in Fort Knox. Die Volkswirtschaft wird ja gelegentlich als dismal science, trostlose Wissenschaft, bezeichnet. Das geht zurück auf Ricardo / Malthus und Co, wo langfristig Land knapp wird und deshalb die Verelendung vorprogrammiert ist. Das ist zwar Blödsinn, weil eigentlich Süßwasser knapp ist und nicht Land und ersteres in beliebiger Menge produziert werden kann, aber das interessiert Kontemplationswissenschaftler nicht, denn gut versorgt, müssen sie das Problem ja nicht lösen. Im Vergleich zu den Geisteswissenschaften ist aber die Volkswirtschaftslehre eine geradezu fröhliche Wissenschaft.

Aus irgendeinem Grund führen Geisteswissenschaftler immer wieder an, dass sie ein ganz besonderes kreatives Potential haben. Das Argument taucht regelmäßig dann auf, wenn mal wieder Lehrstühle gestrichen und umgewidmet werden sollen. Das ist die einzige Phase, wo man so etwas wie Leidenschaft spürt und die Geisteswissenschaften Thema der öffentlichen Debatte sind. Kreativität, vor allem in Bezug auf soziales Handeln, könnte man definieren, als die Fähigkeit, eine ungewöhnliche Lösung zu finden für ein Problem. Das würde aber voraussetzen, dass man überhaupt nach Lösungen sucht, was ja bei den Geisteswissenschaften gar nicht der Fall ist, die wollen nur betrachten. Kreativ wäre, wenn sie einen ungewöhnlichen Ansatz hätten, ihre Inhalte zu vermitteln. Das wollen sie aber gar nicht. Sie wollen sie lediglich verstehen. Damit stehen sie in einer Gesellschaft, die Probleme lösen muss, auf verlorenem Posten.

Kontemplationswissenschaftlern ist das Happy End suspekt. Das ist kitschig. Tatsächlich erfordert das Happy End mehr Intelligenz, Mut und Engagement als die kontemplative Griesgrämigkeit. Und das Gelingen ist gar nicht so selten. Hoffnung kann, wie schon Bloch feststellte enttäuscht werden, wenn objektiv bewiesen ist, dass die große Ankunft unmöglich ist. Dieser Beweis steht aber noch aus und die verrücktesten Happy Ends der Gebrüder Grimm sind inzwischen von der Realität überholt. Mit sieben Meilen Stiefeln kommen wir nicht in acht Stunden nach New York, ein ordentlicher Kochtopf liefert heute mehr als Grießbrei, auch wenn die ökonomischen Verhältnisse eng sind und die Aschenputtels brauchen keine Prinzen mehr, die können heute studieren und Ärztin, Ingenieurin oder was auch immer werden. Das ist noch Luft nach oben, das ultimative Happy End steht noch aus, aber das sapere aude ist das geringste aller Probleme.

Bei Musik ist das ja bekanntlich anders. Dvořáks 9. Symphonie z.B. ist da ganz großes Kino. Das ist großes Gelingen, wenn das Thema einsetzt und was dann folgt, ist der Durchmarsch, der alle Hindernisse überwindet. Also in der Musik ist ab und an mal auch der offene Horizont angesagt, wo noch Hoffnung ist. Den verbeamteten Zitierwissenschaftlern könnte man zu Gute halten, dass sich die Griesgrämigkeit aus der persönlichen Erfahrung des Scheiterns speist, aber die Jungs und Mädels sind gar nicht gescheitert, sie haben es gar nicht erst versucht.

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