Bei (9) haben wir wieder die Worthülse literaturwissenschaftlich, die konkret nichts bedeutet. Verifizierbar ist gleich doppelt falsch. Der Mann hat von Wissenschaftstheorie nicht die allerblasseste Ahnung. Erstmal geht in der Wissenschaft niemand davon aus, dass eine These verifiziert werden kann. Die Tatsache, dass ein Ereignis bestätigt wurden, heißt noch lange nicht, dass sie wahr ist. Die Aussage, dass alle Schwäne weiß sind, kann millionenfach verifiziert werden, falsch ist sie aber trotzdem, denn es gibt auch schwarze Schwäne, um mal das Beispiel von Karl Popper anzuführen. Aus einer endlichen Anzahl von Ereignissen, kann nicht auf eine unendliche Anzahl von Ereignissen geschlossen werden. Zweitens verlangt der Begriff verifiziert, dass die These so formuliert ist, dass sie empirisch belastbar überprüft werden kann. Die Aussage, dass alle Körper im luftleeren Raum gleich schnell fallen, ist empirisch belastbar formuliert. Man macht das entweder wie Galileo und lässt Körper unterschiedlichen Gewichts auf einer geeigneten Fläche abwärts rollen, dann spielt der Luftwiderstand nur eine geringe Rolle oder man lässt Körper im Weltraum fallen, da gibt es keine Atmosphäre. Ein Gedicht allerdings ist nicht empirisch belastbar formuliert.

Ich stand in dunkeln Träumen
Und starrte ihr Bildnis an,
Und das geliebte Antlitz
Heimlich zu leben begann.
Um ihre Lippen zog sich
Ein Lächeln wunderbar,
Und wie von Wehmutstränen
Erglänzte ihr Augenpaar.
Auch meine Tränen flossen
Mir von den Wangen herab –
Und ach, ich kann es nicht glauben,
Daß ich dich verloren hab!

Wir haben hier keine empirisch belastbare These formuliert. Das wäre so was: Immer, wenn er sie anschaut, fängt er an zu weinen. So wäre das als empirisch belastbare These formuliert. Das wäre die Liga, wenn die Temperatur 0 Grad beträgt, dann gefriert Wasser. Letzteres ist empirisch belastbar formuliert und kann im Versuch reproduziert werden. In dem Gedicht steht nicht mal, wie die Frau genau ausgesehen hat. Das Gedicht beschreibt lediglich eine Erschütterung, ein Subjekt, das etwas verloren hat. Der literaturwissenschaftlich geschulten Leser, der das noch nicht erfahren hat, versteht es schlicht nicht. Da nützt ihm also literaturwissenschaftliche Schulung nix. Allgemein: Die Vermittlung kann nur gelingen, wenn dem Empfänger das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt, das in dem geistigen Artefakt ausgedrückt ist, erfahrbar ist, bzw. erfahrbar gemacht werden kann. Begriffe wie Methode und Verfahren verweisen auf ein systematisches Vorgehen, mit dem Inhalte unabhängig vom Subjekt erschlossen werden können. Unbewusst wird hier der Wissenschaftsbegriff der Naturwissenschaften übernommen, ist hier allerdings eine Demonstration am ungeeigneten Objekt. Wer will kann hier beobachten, wie tief die Logik der Zweckrationalität die Gesellschaft durchdringt und auch das Bewusstsein derjenigen vollkommen prägt, die eigentlich dafür bezahlt werden, eine Alternative zu dieser Zweckrationalität im Bewusstsein der Gesellschaft zu bewahren. Es verwundert dann auch nicht mehr, dass der Wunsch nach Verbeamtung das Ziel ist und nicht die Vermittlung von Inhalten, denn Inhalte gibt es gar keine mehr, weil Beliebigkeit eben heißt, dass alle Inhalte relevant sind, also gar keine. Der „literaturwissenschaftlich“ geschulte Leser ist auch gar nicht die Zielgruppe, denn den gibt es nur in der Blase. Für die Verbeamtung reicht die Anerkennung der Kollegen in der Blase. Für den Steuerzahler allerdings, der die Blase letztlich alimentiert, ist das irrelevant und er stellt sich zunehmend die Frage, warum er das finanzieren soll. Jenseits der Blase, also wenn die Kontemplationswissenschaftler mit der Realität konfrontiert werden, scheitern sie dann. Irgendwelcher pseudowissenschaftlicher Firlefanz ist da irrelevant. An der Marketingfront geht es darum, dem Publikum zu vermitteln, dass von ihm die Rede ist. Die Problematik im Faust bringt z.B. schon Mick Jagger auf den Punkt.

I can’t get no satisfaction,
I can’t get no satisfaction
‚Cause I try and I try and I try and I try
I can’t get no, I can’t get no
When I’m drivin‘ in my car,
and the man come on the radio
He’s tellin‘ me more and more
about some useless information
Supposed to fire my imagination

Die message wird offensichtlich spontan verstanden, denn das Publikum hat 1965 bei einem Konzert der Rolling Stones die Waldbühne zerlegt. Was dem einen sein Joint, ist dem anderen der Geist der Erde. Beide sollen das Leben zum Toben bringen. Wenn bei Mick Jagger sich bei der Waschmittelwerbung sein Herz bang im Busen klemmt, dann ist es bei Faust das verfluchte dumpfe Mauerloch, wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht. Der Kanon spiegelt 2400 Jahre Menschheitsgeschichte. Da ist viele dabei, was anschlussfähig ist. Was nicht mehr anschlussfähig ist, kann man begraben. Geisteswissenschaftler täten gut daran, Goethe zu folgen, was er sagte sollte Programm sein.

Und umzuschaffen das Geschaffene.
Damit sich´s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden,
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhig sein.
Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht´s Momente still.
Das Ewige rege sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
wenn es im Sein beharren will.

Der Kanon sollte alle paar Jahre, getrieben vom Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt, runderneuert werden. Dieses Spannungsfeld existiert allerdings nicht in der Blase. Was in der Blase passiert, ist irrelevant. In der Blase gibt es nur Leute, die für die wenigen Jobs im öffentlichen Dienst sinnfreie Papers produzieren. Das interessiert niemanden, da gibt es keine reinen Sonnen und farbige Erden. Das schafft niemand handelnd, da herrscht Stillstand und ins Nichts zerfällt da gar nichts, denn die nichtige Beliebigkeit ist da Programm. Die Beliebigkeit ist das Nichts. Für das Nichts gilt ex nihilo, nihil, aus Nichts wird Nichts. Totaler Stillstand. Was da passiert, würde auch noch ein Computer hinkriegen, der ist aber nicht Sein, bzw. nimmt sich als Sein gar nicht wahr.

Sind Geisteswissenschaftler tatsächlich begabt, was selten vorkommt, dann sind es eher Künstler. Die Rezeption verlangt die gleichen Qualitäten, wie die Produktion. Da gibt es keine Verfahren und Methoden, die systematisch Neues hervorbringen. Zwar lassen sich mit entsprechenden Filtern aus jedem Photo ein impressionistisches, expressionistisches, klassisches oder was auch immer Gemälde produzieren, nur handelt es sich dabei eher um industriell gefertigte Massenproduktion. Dagegen ist das, was Walter Benjamin in der Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ etwas völlig Harmloses. Am Markt muss der Kanon beweisen, dass er authentischer ist als populäre Kunstformen, andernfalls wird er mit Missachtung bestraft. Die Chancen stehen hierfür wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Inhalte, die im Feuer der Geschichte gereinigt worden sind, die sich in wechselvollen Zeitläufen als wahr erwiesen haben, kommt wahrscheinlich eine höhere Authentizität zu, als populären Kunstrichtungen, hinter denen massive ökonomische Interessen stehen. Auch hier gilt natürlich, was immer gilt. Denn Goethe hat bekanntlich gnadenlos immer Recht.

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Das ist empirisch belastbar richtig. Die Zeit ist ein Filter. Irrelevantes wird im Zeitablauf rausgefiltert, egal wie medial es gehyped wird und egal wer den Nobelpreis für Literatur oder sonstige Preise enthält, von denen es im Übrigen inzwischen so viele gibt, dass sie in der Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen werden. Autoren, die heute zumindest dem Namen nach alle kennen, James Joyce, Marcel Proust, Erich Maria Remarque, Ernst Bloch, Th.W. Adorno etc. haben ihn nicht bekommen, trafen aber den Nerv der Zeit. Was man mit Luigi Pirandello, dem Nobelpreisträger, anfangen soll ist unklar. Die Vermarktungschancen seiner Werke wurden von den Verlagen offensichtlich als so gering eingeschätzt, dass nicht mal alle bekannten Romane übersetzt wurden, da hat auch ein Nobelpreis nicht geholfen. (Und der Autor hat Il fu Mattia Pascal auch nur übersetzt, weil er auf die Schnelle keinen relevanteren Roman gefunden hat, wo das Copyright schon abgelaufen war.) Extreme Beispiele, wie etwas Goethes Faust, diffundieren sogar in die Umgangssprache. Das kann nur gelingen, wenn typische Situationen kurz und prägnant zusammengefasst werden.

Seiten: 1 2 3 4 5