Empirisch allerdings ist die Sachlage klar. Außerhalb des Kanons haben wir es immer mit globalen Entwicklungen zu tun. Pink Floyd, Queens, Arundhaty Roy, Gabriel García Marquez, Picasso, Gianna Nannini und was die Menschheit sonst noch beschäftigt und begeistert, sind globale Strömungen. Der Autor allerdings findet die AFD als Phänomen irgendwie spannend. Er fragt sich nämlich, wo diese Irren eigentlich herkommen.

Es scheint so, als ob Begriffe, die jeder konkreten Erfahrung entbehren, besonders viel Energie erzeugen. Die Aussage eines braven, aber mit einem schlichten Gemüt ausgestatteten Bundespräsidenten, dass der Islam zu Deutschland gehört, kann einen unglaublichen Sturm und ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald und sonstigen Medien entfalten, obwohl die Aussage faktisch nichts bedeutet. Unklar ist, was hier mit „gehören“ überhaupt gemeint sein kann. Ist damit gemeint, dass in Deutschland Menschen dieser Glaubensrichtung leben, dann ist das eine schlichte Tatsache, über die man nicht diskutieren kann. Ist damit gemeint, dass diese Glaubensrichtung den christlichen Kirchen gleichgestellt wird, also z.B. Kirchensteuer bezahlt werden soll, die dann an eine offiziell anerkannte Institution abgeführt werden, dann ist das halbwegs konkret und man kann darüber diskutieren. Ist damit gemeint, dass islamische Feiertage gesetzliche Feiertage werden sollen, dann ist das auch konkret, auch wenn es schwer fällt, sich das praktisch vorzustellen. Das Judentum, der Buddhismus, die Atheisten gehören auch zu Deutschland, wenn man darunter versteht, dass in Deutschland Angehörige dieser Glaubensrichtungen leben. Wir hätten dann praktisch 365 Feiertage im Jahr. Soll das bedeuten, dass der Islam eine Religion ist, die wie das Christentum im Bewusstsein der Menschen verankert ist, dann wird das in Anbetracht massenhafter Kirchenaustritte, leerer Kirchen und Desinteresse an religiösen Fragen schwierig. Hinzukommt, dass Lehrpläne in Deutschland eine kritische Haltung gegenüber dem Christentum verbindlich vorschreiben. Gott in Goethes Faust ist nämlich der Meinung, dass wer glaubt, zu blöd zum Denken ist. Über den Faust sagt er:

DER HERR:Kennst du den Faust?
Mephistopheles:Den Doktor?
DER HERR:Meinen Knecht!
Mephistopheles:Fürwahr!
er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

Das heißt ins Deutsche übersetzt, dass Gott keinen Plan hat, wohin die Reise gehen soll bzw. gehen könnte und sein Knecht, also Faust, das herausfinden soll. Von der Gerechte lebt aus dem Glauben à la Luther steht nix im Lehrplan der Bundesländer. Im Lehrplan steht Goethes Faust und da soll eben gerade nicht geglaubt werden.

Das ist aber hier gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ein Begriff umso mehr als Projektionsfläche dienen kann, je weniger er besagt. Der Begriff ist so eine Art Rohrschach Test. Jeder kann in den Begriff irgendwas hinein phantasieren und alle können kraftvoll, aber sinnfrei aneinander vorbeireden.

Bildung wäre, das wäre zumindest eine sinnvolle Definition, wenn sich hinter Begriffen ein Erfahrungsschatz verbirgt, der für das Individuum prägend war. Man kann manchmal bezweifeln, dass das bei Geisteswissenschaftlern der Fall ist bzw. in größerem Umfang, als beim Rest der Menschheit. Das erklärt auch das geschichtlich gut dokumentierte Scheitern der Bildung. Neutralisierte Individuen sind leicht manipulierbar, noch leichter, wenn sie keinen Plan haben, wohin die Reise gehen soll, was Ankunft bedeuten könnte; die Elemente des Kanons so beliebig und bedeutsam sind, wie die Käsesorten an der Theke beim Supermarkt. Wer keinen Geist hat, wird leichter vom Ungeist ergriffen, denn der Ungeist ist immerhin noch berauschender als die Leere.

Bewusstsein entsteht durch das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Subjekt Mensch, das sich zum Objekt Welt verhält. Von diesem Spannungsfeld hängt es ab, ob das Zitat bedeutsam ist. Die Frage der Ehre im spanischen Theater des Siglo de Oro, sowie die Probleme, die der Alcalde de Zalamea von Calderón de la Barca hat, sind von daher nicht vermittelbar, weil dieses Spannungsfeld heute nicht mehr existiert. Dass das Werk zum Kanon der Hispanistik gehört, ist weniger seiner Relevanz geschuldet, als der Tatsache, dass die meisten Professoren keine Vorstellung davon haben, was bedeutsam ist. Wem diese Erfahrung fehlt, der findet mangels Vergleichsmöglichkeiten schlicht alles bedeutsam. Wer als Lehrer Zehntklässlern den Götz von Berlichingen oder den Bahnwärter Thiel vorsetzt, der hat eine ähnliche Erfahrungstiefe wie die Schüler, die er unterrichten soll. Hier allerdings können wir die Bedeutung der Worthülse einigermaßen nachvollziehen. Der Kanon hat für einen Lehrer in Deutschland einen Wert von 5300 Euronen im Monat. Noch rentabler ist der Wert des Kanons im universitären Umfeld. Wäre schlicht alles gleichermaßen relevant, wovon Günther Jauch ausgeht, dann gibt es gar nichts mehr, was staatlicherseits gefördert werden müsste. Bei Günther Jauch kann es für die Beantwortung der Frage, wo Schiller geboren wurde, genauso eine Million geben, wie für die Beantwortung der Frage, wie viele Tore Pelé geschossen hat. Zwar ist in den Geisteswissenschaften die Abstraktion von der Erfahrung und damit die Beliebigkeit Programm, siehe unten, nur zugeben werden sie das nicht. Das Spannungsfeld des geistigen Artefaktes muss an das Spannungsfeld, in dem sich der Empfänger befindet, anschlussfähig sein, andernfalls kann es nicht verstanden werden. Verstehen heißt hier nicht kausale Zusammenhänge erfassen. Verstehen heißt in diesem Zusammenhang, dass das beschriebene Spannungsfeld bedeutsam ist. Bedeutsam ist, was sich einprägt und was sich einprägt, verändert die Sicht auf die Welt oder bereichert diese zumindest mit einem neuen Ton. Je dichter diese Spannungsfelder beieinander liegen, desto eher gelingt die spontane Erfassung. Das ist gemeint, wenn ein Werk den Nerv der Zeit trifft. Hierzu gibt es eine diametral entgegengesetzte These und diese hat Gewicht, denn sie stammt von Th.W. Adorno höchstpersönlich.

Die Gegenthese lautet, dass ein geistiges Artefakt eben gerade nicht spontan erfasst werden kann. Das geistige Artefakt ist eine Gegenwelt zur realen Welt und kann eben deshalb gerade nicht spontan erfasst werden. Nachvollziehbar ist die These nur, wenn man die Grundannahme Adornos teilt. Das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt ist in der realen Welt beseitigt. In der verwalteten und vermachteten Welt passt sich das Subjekt vollkommen an das Objekt an. Das Subjekt versucht das Spannungsfeld durch Anpassung an das Objekt abzubauen. Vereinfacht und beispielhaft ausgedrückt: Auch wenn der Konsum zu einer freudlosen Angelegenheit wird und letztlich nur noch stattfindet, damit die Produktion aufrechterhalten wird, wird sich das mangels Alternativen niemand eingestehen.

Das war schon vor 200 Jahren so. Ohne Mephistopheles hätte sich Faust entweder die Kugel gegeben oder hätte akzeptiert, dass das höchste Glück und Summum Bonum in Malle in den Sommerferien zu finden ist. Nach zwei Litern Sangria ist alles egal. Die Kulturindustrie, das ist kein Begriff von Adorno sondern die Selbstbezeichnung der Branche, liefert das, was die Leute haben wollen, sie bedient eine konkrete Nachfrage, wobei sie aber die Nachfrage selber schafft. Kaum anzunehmen, dass die Spanier etwas vermissen würden, wenn die Medien nicht mehr über den Zoff zwischen der ehemaligen Königin von Spanien Sofia und ihrer Schwiegertochter Letitia, jetzige Königin von Spanien, berichten würde. Wenn die Artefakte der Kulturindustrie nur noch die Nachfrage bedienen, die sie selber geschaffen hat, dann geht das Überschießende, das den geistigen Artefakt charakterisiert, naheliegenderweise verloren. Anders formuliert, der geistige Artefakt, der das liefert, was erwartet wird, löst sein Versprechen nicht ein. Das Neue kommt nur in die Welt, wenn es den Erwartungen nicht entspricht. Der geistige Artefakt als Gegenentwurf zur Realität fordert vom Empfänger bei der Entschlüsselung so viel Arbeit, wie der Sender bei dessen Produktion investiert hat. Um es mit den Worten von Adorno zu sagen: Was der Bürger versteht unter real konkretistisch genießen, existiert wahrscheinlich gar nicht.

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