Aus Marketingsicht, das ist der triviale Alltag, in dem der Autor sich bewegt, hilft Adorno jetzt nicht wirklich weiter und im übrigen kann man bestreiten, dass das Netz der verwalteten Welt so eng ist, wie Adorno das unterstellt. Die Risse sind ja deutlich sichtbar. Die Diskussion zwischen Leuten, die versuchen Kultur an den Mann zu bringen und den Leuten, die Fundamentalkritik betreiben, ähnelt ein bisschen der Diskussion zwischen der lustigen Person und dem Dichter im Vorspiel auf dem Theater in Goethes Faust. Der Dichter betreibt Fundamentalkritik, die lustige Person sieht die Angelegenheit eher aus Marketingsicht.

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten
Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,
Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.
Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,
Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

Goethe gab sich also hinsichtlich der Wirkung seiner Dichtung keinerlei Illusionen hin. Es gibt also durchaus Momente, wo das Spannungsfeld des Empfängers sich soweit mit dem Spannungsfeld des Senders deckt, dass eine spontane Rezeption möglich ist, auch wenn es unter Umständen ein paar erläuternde Worte braucht, um der Menschheit klar zu machen, dass höchst relevante Zusammenhänge verhandelt werden. Die Massenwirksamkeit des geistigen Artefaktes gelingt durch die Unterhaltung. Klar ist aber auch, dass die Worthülse nicht hilfreich ist und selber Teil ist der verwalteten Welt. Wenn die Alternative zur langweiligen Unterhaltung die Worthülse ist, dann gibt es keinen Ausgang mehr, bzw. der Kanon ist dann kein Ausweg mehr. Ob Worthülse oder Reproduktion der immer gleichen ästhetischen Materialien ist eigentlich ziemlich dasselbe. Der Unterschied zwischen der Beliebigkeit des Kanons und der Beliebigkeit der Unterhaltung besteht dann lediglich darin, dass ersterer anstrengend ist. Das weist dem Kanon zwar eine gewissen Seriosität und Ernsthaftigkeit zu, macht aber ansonsten keinen Unterschied. Die Zitierwissenschaftler gehen davon aus, dass der Kanon nicht in Radikalopposition zur Gesellschaft steht und das trifft zu, wenn man den Prozess, der zum Kanon geführt hat, abtrennt. Tut man das nicht, ist dem überhaupt nicht so. Praktisch jedes künstlerische Werk opponiert gegen die Gesellschaft. Allein schon dadurch, dass es einen neuen Ton und eine neue Farbe einbringen will, die fehlen. Würde es keines neuen Tones und keiner neuen Farbe bedürfen, wäre das Leben an sich schon so orchestral und kunterbunt, dass niemand auf die Idee kommt, dass etwas fehlt, wäre Kunst sinnlos. Von Künstlern, Dichtern, Musikern wie Francisco Goya, Otto Dix, Pier Paolo Pasolini, Aluisio Azevedo, Bob Dylan etc., die frontal kritisieren, ganz zu schweigen. Man kann davon ausgehen, dass bei verbeamteten Geistlichen das Spannungsfeld des Senders und das Spannungsfeld des Empfängers so unterschiedlich ist, dass eine spontane Rezeption tatsächlich nicht gelingen kann, wobei diese nicht Übereinstimmung auch keine Rolle spielt, solange der Steuerzahler das sponsert. Der Autor hat sich das fünf Jahre angeschaut. Das sind größtenteils Typen vom Schlag Wagners, über die Faust zutreffend schreibt.

Dass diesem Kopf, nicht alle Hoffnung schwindet
der immer nur an schalem Zeuge klebt,
mit gieriger Hand nach Schätzen gräbt und froh ist,
wenn er Regenwürmer findet

Die Aussage ist eigentlich brachial, sollte zu denken geben, aber der Autor hat das mal nachgeprüft. Er hat keine Sekundärliteratur gefunden, wo dieser Vers diskutiert wird. Brachiale Fragen stellt der verbeamtete Geistliche gar nicht, weil sie sich in der Blase nicht stellen. Solange es jemand gibt, der bezahlt, stellt sich die Frage nicht. Einen Geisteswissenschaftler nach der Bedeutung des Kanons zu fragen, ist ähnlich sinnvoll, wie den Produzenten der zehntausendsten Folge einer Serie nach dem Sinn der Serie zu fragen. Solange eine Nachfrage besteht, stellt sich die Frage nicht. Ob diese Nachfrage künstlich ist oder ein Marktergebnis, ist weitgehend egal. Im Grunde gibt es zwischen der Beliebigkeit der Artefakte der Kulturindustrie und der Beliebigkeit des Kanons gar keinen Unterschied. Wo der Kanon selbstverständlich wird, ist er beliebig. Was er eigentlich überhaupt nicht ist. Zu einer Radikalopposition wie Gottfried Benn muss man sich verhalten.

O daß wir unsere Ururahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.
Leben und Tod, Befruchten und Gebären
glitte aus unseren stummen Säften vor.

Dazu muss man sich verhalten. Verhält man sich nicht dazu, stellt sich die Frage, was man damit anfangen soll, nicht. Man kann sich auf den einen Toast Brombeermarmelade schmieren und auf den anderen Erdbeermarmelade. Zu Marmeladen muss man sich nicht verhalten. Wenn aber das totale Scheitern konstatiert wird, stellt sich die Frage, ob man sich die Kugel gibt oder nicht. Wer das Gedicht lediglich liest wie eine Gruselroman, wird immerhin akzeptieren müssen, dass hier Sender und Empfänger nicht auf den gleichen Erfahrungssatz zurückgreifen. Gottfried Benn hat ein ganz reales, auch durch die Umstände bedingtes, Problem. Das ist nicht wie im Supermarkt, wo die Ritter Sport Schokolade im Regal friedlich mit der von Milka koexistiert und je nach Präferenz und Laune mal die eine, mal die andere gewählt wird. Gottfried Benn ist mit Goethe nicht kompatibel, der eine schließt den anderen aus. Kafka ist nicht kompatibel mit Schiller, Heinrich Heine nicht mit Ernst Jünger.

Es nützt auch nichts, wenn man darauf verweist, dass methodisch immer gleich vorgegangen wird und dies gelernt bzw. gelehrt werden kann, wenn man darauf verweist, dass die Geisteswissenschaften über eine Methodik verfügen, die ein universaler Schlüssel zum Verständnis des Geistes ist. Das ist belanglos schon deshalb, weil es um verstehen überhaupt nicht geht. Die Aussagen können ohne weiteres „verstanden“ werden, dazu braucht es weder Hermeneutik noch sonst irgendwas. Die eigentliche Frage ist, wie man sich dazu verhält. Die Probleme die Kafka hat, lassen sich einfach lösen. Mit einer konsequenten Durchsetzung des Informationsfreiheitsgesetzes gibt es keine obskuren Schlösser mehr. Schiller lehrt uns die große Ankunft, daran kann man arbeiten. Das passiert aber nicht in den universitären Wärmestuben und Zitierfabriken.

Was immer der Geist intendiert, ob sapere aude, erkenne dich selbst, ob er die Welt zum Sprechen bringen will, sursum corda oder was auch immer, verstehen ist nicht das Thema, sondern vermitteln. Das Thema haben die verbeamteten Geistlichen gar nicht auf dem Schirm. In der Blase ist alles gleichermaßen bedeutsam, weil alles bedeutungslos ist und lediglich verstanden werden muss, wobei es nichts gibt, was man verstehen muss, wenn man darunter das Nachvollziehen einer Kausalkette versteht. Unter der Perspektive verstehen, gibt es auch nichts, was irrelevant wird. Egal ob Hildebrandslied oder Ansichten eines Clowns, egal ob El cantar de mio Cid oder Don Quijote, egal ob Divina Commedia oder Cesare Pavese, man muss es nur verstehen. Das eine ist, in der Logik der Zitierwissenschaften, so bedeutend wie das andere. Vermitteln heißt, dass der Geist als anschlussfähig dargestellt wird. Relevanter als die Frage, was uns der Dichter sagen wollte, bzw. wer der Dichter war, ist die Frage, wie und ob sich der Dichter vermitteln lässt. Ist er nicht anschlussfähig, ist es egal, was er gesagt hat. Er mag dann als Gegenstand einer Promotion dienen, die landet aber im Papierkorb bzw. verstaubt im Regal, wenn nicht irgendein armer Promovend auf dem Weg zur Taxifahrerkarriere, eine Tätigkeit, die übrigens schwieriger ist, als Zitate zusammenzuschieben, wie der Autor aus seiner studentischen Taxifahrerkarriere weiß, seine Literaturliste verlängern muss. Der fundamentale Unterschied zwischen Geisteswissenschaften und Ingenieurwissenschaften scheint den Geisteswissenschaftlern nicht klar zu sein. Der Ingenieur muss in der Regel, wenn er nicht gerade vorhat, ein Start Up Unternehmen zu gründen und einen Investor überzeugen muss, gar nichts vermitteln. Er muss niemandem erklären, wie man mittels Wasserelektrolyse Wasserstoff gewinnt. Er soll es machen. Dafür muss er verstehen, wie es funktioniert. In welchem Spannungsverhältnis er zur Realität steht, ist schlicht egal. Er muss auch niemanden davon überzeugen, wozu das gut sein soll, das ist nämlich offensichtlich. Allerhöchstens beschäftigt ihn die Frage, ob es bessere Alternativen gibt. Der Deutschlehrer, der mit einer Klasse den Untertan von Heinrich Mann behandelt, muss diesen vermitteln. Das Problem ist, dass ihn selbst die längste Literaturliste nicht gelehrt hat, wie das in der Praxis konkret funktioniert. Die Frage war nie Gegenstand des Studiums.

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