Das Gedicht ist reiner Ausdruck. Es gibt keine Kausalzusammenhänge, die man erklären könnte. Das Gedicht ist nicht falsifizierbar formuliert und Falsifizierbarkeit spielt auch keine Rolle. Genau genommen gibt es nicht mal etwas, was man erklären könnte. Man kann höchstens etwas beschreiben, etwa das Reimschema. Erklären kann man vielleicht noch, warum Stefan George der Meinung war, dass das Gedicht ausdrucksstärker ist, wenn man alles klein schreibt. Was aber alles nicht viel hilft, wenn der Funke nicht überspringt. Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit ist nicht dadurch gegeben, dass man irgendwelche Kausalzusammenhänge erklärt. Was also im Grunde jeder intuitiv begreift, scheinen die Zitierwissenschaftler nicht zu begreifen.

Erkannt wurde dieser Zusammenhang schon sehr früh, schon im 11. Jahrhundert von dem persischen Dichter Omar Chayyām.

Gib von jenem Wein dem alten
der dem Landmann Kraft verleiht
denn ich will mit neuem Saume
zieren meines Lebens Kleid
Mach mich trunken und entfremde
mich der Welt auf dass ich dann
dieser Welt verborgene Dinge
dir enthülle guter Mann

Ersehnt ist der Sprung aus der Realität hinaus, das Verlassen der Kausalzusammenhänge. Dafür steht der Wein, der entfremdet. Die beglückende Bewusstseinserweiterung wird außerhalb der Realität gesucht, wenn auch, im Gegensatz zur Religion, im Diesseits. Das Programm dürfte erfolgversprechender sein als der Ansatz von Dante, der das Paradies im Jenseits suchte. Wie glücklich man da ist, lässt sich aber nicht beschreiben, weil da war noch niemand, weswegen die Divina Commedia im dritten Teil, im Paradies, auch völlig zerfleddert. Irrational allerdings war Omar Chayyam nicht. Von ihm stammt der persische Kalender, der seit 1000 Jahren den Gang der Erde um die Sonne korrekt beschreibt.

Man könnte dem Zitat zugute halten, dass es einen Überblick darüber gibt, wie sich geistige Inhalte intersubjektiv im Bewusstsein spiegelten. Man könnte sagen, dass sich im Kanon das widerspiegelt, was Substanz hat oder frei nach Goethe:

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Was also medial gehyped wird, kann morgen wieder vergessen sein und meistens ist das auch so, da hilft kein Nobelpreis für Literatur und was es sonst noch an Preisen gibt und kein Marketinggeklingel. Interessant ist, dass auch Goethe den Kern nur immer wieder umkreist. Was das Echte ist, ist schwer zu fassen. Wenn aber irgendwas immer wieder, von Generation zu Generation als bedeutsam empfunden wird, dann ist es wohl bedeutsam, auch wenn es zur Zeit der Entstehung gar nicht als besonders bedeutsam empfunden wurde. Das ist sogar wahrscheinlich. Da das Kunstwerk, aus welchen Gründen auch immer, gegen die Realität opponiert, ist es über seine Zeit hinaus, hat also ein Problem mit der spontanen Erfassung. Mehr Ausnahmen zur Regel gibt es in der Musik. Pink Floyd, Queens, Joan Baez, Manuel Serrat, Barbara, die Toten Hosen etc. glänzten im Augenblick und bleiben der Nachwelt unverloren. Zumindest in der Neuzeit, wo Musik ohne weiteres ein Massenpublikum erreicht, hat sie spontan einen größeren Impact als andere geistigen Artefakte. Die Sprache allein gehört eben auch zum Alltag, dadurch ist sie weniger geeignet, Überschießendes auszudrücken. Musik wäre im Übrigen didaktisch wertvoll, wenn sich denn die Philologien damit befassen würden. Antonio Machado in der Vertonung von Manuel Serrat ist leichter zugänglich, als der Text allein. Hinzukommt, dass Manuel Serrat ein sicheres Gespür dafür hatte, was aus dem Werk von Antonio Machado unmittelbar anschlussfähig ist und was nicht. Allerdings sind die Philologien da knallhart. So was Spontanes kommt nicht in die Tüte.

Daraus ließe sich dann eine Authentizität des Kanons ableiten. Was Eingang gefunden hat in den Kanon, war wohl irgendwann relevant. Fehlt den Geisteswissenschaftlern allerdings die Erfahrungstiefe, was häufig der Fall ist, die Lebensläufe der Geisteswissenschaftler sind ja meistens von überschaubarer Schlichtheit, dann verbleiben im Kanon eben auch Dinge, die nicht mehr relevant und vermittlungsfähig sind. Der Kanon verbürgt nicht mehr Authentizität, sondern Beliebigkeit. Zwischen dem freien Assoziieren im Raum und dem Geklimper mit Worthülsen gibt es keinen großen Unterschied.

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