Je nach Stil kann sich auch die Perspektive verändern. Zum Herbst gibt es auch andere Gedichte von Theodor Storm, wo dieser in einem positiveren Licht gesehen wird.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!
Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Wir haben in dem Gedicht eine meteorologische Beschreibung: In der Frühe ist mit Bodennebel zu rechnen, der sich aber im Laufe des Tages auflösen wird, wobei der Himmel bedeckt bleibt. Das Beste was man tun kann, ist sich ein Glas Wein einzuschenken und auf den Frühling zu warten, wo der Himmel wieder blau erstrahlen wird. Ein Wetterbericht ist aber bzgl. der emotionalen Bewertung neutral. Das Gedicht erzielt seine Wirkung nicht durch die Sprache, auch wenn das intuitiv nahe liegt. Das gleiche gilt auch für das Lied der Toten Hosen. Jeder versteht es, unklar ist nur warum.

An Tagen wie diesen
wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit
In dieser Nacht der Nächte,
die uns soviel verspricht
Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht

Man kann versuchen, sich was darunter vorzustellen, vielleicht so was wie Amy McDonald in dem Lied This is a live beschreibt, also irgendeine Nacht mit hoher Erfahrungsdichte, in der das Leben tobt, oder ein Liebespaar, wie es Jaques Prévert in dem Gedicht Rappelle-toi Barbara beschreibt.

Auch der Text von den Toten Hosen ließe sich natürlich in simple Prosa übertragen, wäre dann aber effektlos. Möglich, dass die Leute auf gemachte Erfahrungen zurückgreifen, aber vermutlich ist die spontane Begeisterung durch etwas bedingt, was so konkret mit dem Text gar nichts zu tun hat. Wird es noch gespielt anlässlich der Wahlparty der CDU / CSU im Jahr 2017,  dann kann es mit dem Text nichts zu tun haben. Wenn selbst noch Kauder begeistert ist, dann kann die Erklärung nicht sein, dass auf persönliche Erfahrungen zurückgegriffen wird.

Jedes geistige Artefakt greift auf eine Schicht zurück, die sich der rationalen Analyse entzieht. Hat man Wörter vor der Nase bzw. gelange solche akustisch ins Gehirn, dann ist es natürlich besonders suggestiv anzunehmen, dass die Wirkung sich aus den Wörtern ergibt, was wohl weitgehend unzutreffend ist. Bei Werken der bildenden Kunst oder Musik kommt niemand auf diese Idee, weil ja gar keine Wörter da sind. Von daher kann man sich die Sekundärliteratur weitgehend sparen, denn des Pudels Kern ist so nicht zu fassen. Es erinnert sich auch niemand, der Philologie studiert hat, an das ganze Geschwafel, das er während seiner Studienzeit produziert hat. Auch nicht, wenn er dafür eine gute Note bekommen hat. Schlussendlich wurde der Kram im Papierkorb entsorgt. Das ist allen bekannt, es wäre also angebracht, dass man in den Geisteswissenschaften hier mal zu neuen Ufern aufbricht. Betrachtet man das Werk und die Wirkung auf die Gesellschaft und nicht nur das Werk alleine, lässt sich die Thematik auch mit empirischen Methoden bearbeiten. Wir wissen dann immer noch nicht, was passiert, aber wir wissen dann immerhin, dass etwas passiert und unter Umständen erfahren wir so, was man tun muss, damit etwas passiert.

Nach Schopenhauer ist der Stil die Physiognomie des Geistes. Einen Gedanken, den er dann allerdings nicht so richtig deutlich herausarbeitet. Die Bemerkung, dass derjenige, der sich eines Stiles bedient, der nicht sein eigener ist, eine Maske trägt, sticht schon deshalb nicht, weil es sehr sinnvoll ist, den Stil an den Kontext anzupassen. Man sollte also mehrere Stile beherrschen. Das eigentliche Problem ist aber, dass Schopenhauer offensichtlich, wenn auch nicht explizit erwähnt, davon ausgeht, dass der Stil etwas über den Charakter desjenigen aussagt, der spricht oder schreibt. In anderen Zusammenhängen nennt er dann Tatbestände, die eine Vorstellung davon geben können, was er meint. Wenn jemand sehr viele vage Begriffe verwendet, also Dinge wie „echte“ Bildung, humboldtsches Bildungsideal, „wahrer“ Glaube, Eigentlichkeit, hoher Genuss (im Zusammenhang mit geistigen Artefakten) etc.. dann ist das entweder ein Hinweis darauf, dass er selber nicht weiß war er sagen will, also de facto nichts zu sagen hat, oder intuitiv eine Ahnung von etwas hat. Allerdings haben vage Begriffe wie Bewusstsein, Gefühl, Stimmung etc. ihre Berechtigung, denn dass es so etwas gibt, ist unstrittig. Um diese Begriffe präzise zu fassen, müsste das menschliche Gehirn, weniger das Herz, auch wenn dort aus irgendeinem Grund die Gefühle verortet werden, so klar strukturiert sein wie ein Computerchip. So lange etwas zweifelsfrei vorhanden ist, aber nicht verstanden wird, haben wir dafür einen unscharfen Begriff. Das ist logisch. Allerdings kann man auch mit Füllwörtern eine Erfahrungsdichte vortäuschen, wo eigentlich nichts ist. Ein Beispiel hierfür ist der Roman Kassandra von Christa Wolf.

Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war  das letzte, was sie sah. Ein lange vergessener Feind und die Jahrhunderte, Sonne, Regen, Wind haben sie geschleift. Unverändert der Himmel, ein tiefblauer Block, hoch, weit. Nah die zyklopisch gefügten Mauern, heute wie gestern, die dem Weg die Richtung geben: zum Tor hin, unterdem kein Blut hervorquillt. Ins Finstere. Ins Schlachthaus. Und allein.

 Christa Wolf will also die Gemütsverfassung von Kassandra schildern, die vor der zerstörten Stadt Troja steht. Da zweifelt man, dass hier eine Erfahrung geschildert wird. Das ist eher eine lange Aneinanderreihung von Worthülsen, die eine Erfahrungsdichte suggerieren wollen, wo eigentlich nichts ist. Dass irgendwo Statuen von Löwen rumliegen, denen im Laufe der Geschichte der Kopf abhanden gekommen ist, mag ja sein, aber wie die einen dann anschauen sollen, ist unklar. Augen sind normalerweise im Kopf. Hier sollen wohl ganz subtile Gefühle geschildert werden, aber auf jeden Fall nichts, was einem Lektor beim Aufbau Verlag bekannt ist. Man kann auch etwas in die Aussage hineininterpretieren, dass Troja im Jahre der Jahrhunderte geschleift wurde und nicht durch die List des listigen Odysseus, vielleicht waren die Trojaner ja dekadent und damit fällig, aber das ist dann eine These, die der geschichtliche / mythologisch Stoff so nicht hergibt. Den Himmel kann man sich als tiefblauen Block vorstellen, wenn man Lust dazu hat, oder als Spiegelbild des Meeres, als blaue Scheibe, die den Menschen vom Universum trennt, als physikalisches Phänomen, dass das Herz erfreut oder als was auch immer. Am unplausibelsten ist allerdings die Vorstellung des Himmels als blauer Block. Eine Stadtmauer aus unbehauenen Felsbrocken hat in der Regel irgendwo ein Tor, das ist naheliegend. Wieso jetzt allerdings die Mauern die Richtung geben, bleibt etwas unklar und die Beschreibung ist reichlich umständlich. Berühmtheit erlangte das Geschwafel wohl dadurch, dass bei vielen Leuten sich die Idee festgesetzt hat, dass es sich immer dann um den tiefstempfundensten Ausdruck sublimster und subtilster Gefühle handelt, um reinste erhabenste Poesie, wenn ein Text mächtig mäandert. Wenn so ein Blödsinn ein paar Wochen durch das Feuilleton rattert, dann kann das nur daran liegen, dass die Redakteure des Feuilletons in der Schule gelernt haben, dass ein Text dann besonders literarisch wertvoll ist, wenn er der reinste Schwachsinn ist. Nach demselben Schema könnte der Autor einen Kirschbaum beschreiben. Er befürchtet, das fänden manche Leute unglaublich poetisch.

Da steht er. Im Garten, der fast verwunschen wirkt, der Mittelpunkt prächtig sommerlich, herbstlichen Blühens. Die reife Frucht, rot leuchtend im tiefdunklen Blühen der vollen Blätter, Fülle versprechend und Ernte. Mühelose Ernte, ein Segen gespendet aus leichter, großzügiger Hand. Die Frucht, blutroter Ernst und tiefe Verheisung, sie wird fallen, wie so manche fiel um wieder zu erwachen. Vergehen um wieder zu erwachen im ewigen Kreislauf unter immer demselben Himmel, Kreislauf eingebettet in die Ewigkeit des Himmels, der nur die Farbe ändert, um immer der gleiche zu bleiben.

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