Auf Christa Wolf trifft die Bemerkung Schopenhausers zu. Bei manchen Autoren reicht es, dem Stil Aufmerksamkeit zu schenken, um zu wissen, ob sich die Lektüre lohnt. In diesem Fall ist der Stil tatsächlich eine Maske, er zeigt nicht, wer Christa Wolf ist, sondern wer sie gerne wäre. Vermutlich werden aber in autoritären Systemen mehr kleppernde Texte produziert, weil das Individuum versuchen wird, sich irgendwie umständlich mit dem System zu arrangieren. Das kann dadurch passieren, dass man sich auf intellektueller Ebene damit auseinandersetzt oder sich einredet, dass in der Kleinkariertheit eine höhere Vernunft steckt. Ersteres ist eigentlich unnötig, denn dass der Marx Quark reine Ideologie war, der lediglich dem Machterhalt diente ist offensichtlich. Wenn aber die direkte Konfrontation ins Gefängnis führen würde, bzw. mit Berufsverbot und ähnlichem geahndet würde, dann wird die Auseinandersetzung subtiler geführt. Das könnte den skurrilen Stil auch erklären. Der Dunkelsprech erhöhte die Chancen, durch die Zensur zu kommen. Immerhin hat es Christa Wolf geschafft, von der Stasi argwöhnisch beäugt zu werden, was sie wohl kaum mit ihren Büchern allein geschafft hätte, zumindest nicht mit Kassandra. Ähnliches nur eben umgekehrt dürfte den Hype im Westen erklären.

Authentizität im Stil, also wenn einer spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, können wir in autoritären Systemen nicht erwarten, weil sich dann die Individuen bis zur Unkenntlichkeit verbiegen werden. Authentizität können wir auch bei Geisteswissenschaftlern nicht erwarten, denn auch sie sind auf einen Stil angewiesen, der Bedeutungsloses bedeutsam klingen lässt, also viele Phrasen vom Typ „dieses Thema rückte erst in neuerer Zeit in den Fokus der Forschung“, „diese Arbeit kann das Thema nur vorläufig behandeln und muss durch weitere Forschungen ergänzt werden“ etc.. Solche Formulierungen suggerieren, dass man es mit einem ganz bedeutenden Gegenstand zu tun hat, der die Forschung noch die nächsten zehn Jahre beschäftigen wird, dass um die Wahrheit in geradezu titanischer Manier gerungen wird. Würde jemand schlicht sagen, dass das Thema keine Sau interessiert, dann würden ihn seine Kollegen verdächtigen, das öfter mal zu finden, was die Sinnhaftigkeit weiterer Forschungen stark einschränken würde.

Der Leser kann sich jetzt fragen, warum bei Theodor Storm und bei den Toten Hosen der Stil Authentizität verbürgt, während er bei Christa Wolf im Leerlauf dreht. Das ist in der Tat die Tausend Dollar Frage. Die Authentizität ist in beiden Fällen nicht durch die Worte verbürgt, sondern durch den Stil, aber nur der Stil, der durch Erfahrung gedeckt ist, schlägt dann ein wie eine Bombe. Richtig ist, dass schon eine ganze Elefantenherde über die Heide traben muss, damit da aus der Erde dumpf irgendwas mitwandert, aber die Stimmung ist nachvollziehbar, auch wenn sie nicht durch die Worte an sich geschildert wird. Es gibt Tage, wo man sich Unendlichkeit wünscht, auch wenn der Tag nur ein Moment war, ein Lächeln. Damit der Stil Herz zu Herzen schafft, muss er authentisch sein.

Ein anderes Beispiel derselben Liga ist Carl Menger. Carl Menger war der Privatlehrer des Kronprinzen Rudolf von Österreich-Ungarn. Wer die Schreibe von Carl Menger durchliest, versteht dann auch, warum dieser sich 1889 erschossen hat. Bei der Lektüre von Carl Menger muss man einfach depressiv werden. Carl Menger gilt als Begründer der österreichischen Schule der Ökonomie, also Hayek, Mises und Co. Ökonomisch ist das Geschriebsel blanker Unsinn. Das Problem ist ein grundsätzliches. Carl Menger kapiert den Unterschied nicht zwischen einem reinen Tauschmarkt, bei dem eine gegebene Menge lediglich getauscht und der Markt anschließend geräumt sein muss, und einem Markt, wo Waren produziert werden. Weil er das nicht kapiert, kommt er auf alle möglichen skurrilen Ideen, die uns aber im Moment nicht interessieren. Das Geschriebsel tönt dann so.

Nicht die Folge des Leichtsinnes oder der Unfähigkeit der Practiker kann es demnach sein, wenn dieselben, unbekümmert um die bisherigen Entwicklungen unserer Wissenschaft, bei ihrer wirthschaftlichen Thätigkeit lediglich die eigenen Lebenserfahrungen zu Rathe ziehen, nicht die Folge eines hochmüthigen Zurückweisens der tieferen Einsicht, welche die wahre Wissenschaft dem Practiker über die den Erfolg seiner Thätigkeit bestimmenden Thatsachen und Verhältnisse bietet. Der Grund einer so auffälligen Gleichgültigkeit kann vielmehr nirgends anders gesucht werden, als in dem gegenwärtigen Zustande unserer Wissenschaft selbst, in der Unfruchtbarkeit der bisherigen Bemühungen, die empirischen Grundlagen derselben zu gewinnen.

 Was er sagen will ginge in schlichter Prosa so: So wie die Volkswirtschaftslehre derzeit betrieben wird, ist sie nur von geringer praktischer Relevanz, so dass Unternehmer eher ihrer praktischen Erfahrung vertrauen, als den Thesen der Volkswirtschaftslehre. Das erste Problem ist klar. Er fühlt wohl intuitiv, dass sein Geschriebsel für die Praxis völlig irrelevant ist, von der er abgesehen davon keine Ahnung hat. Menger ist REINE Theorie, wenn auch völlig falsche. So ähnlich fangen auch viele Texte von Geisteswissenschaftlern an. Sie versuchen dem Leser durch einleitende Bemerkungen zu suggerieren, dass ganz bedeutsame Dinge abgehandelt werden. Je öfter das jemand erwähnt, desto sicherer kann man davon ausgehen, dass es völlig irrelevant ist. Dann haben wir viele Adjektive, manche davon völlig sinnfrei. Von der Wissenschaft erwarten wir, dass sie wahr ist, bzw. zu falsifizierbaren Aussagen führt. Eine unwahre Wissenschaft strebt niemand an, das ergibt sich höchstens zufällig. Es macht auch keinen Sinn, zu behaupten, dass er auf dem Pfad der wahren Wissenschaft wandelt, denn das kann er entweder beweisen oder eben nicht. Dass die wahre Wissenschaft zu tieferen Einsichten führt, braucht er auch nicht zu sagen, davon ist auszugehen. Indem er es aber sagt, versucht er etwas zu suggerieren, von dem er wahrscheinlich ahnt, dass es das nicht ist. Unfruchtbarkeit der bisherigen Bemühungen ist starker Tobak. Wealth of Nations erschien 1776, also fast 100 Jahre vor den Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre und das beschreibt die marktwirtschaftliche Ordnung schon ziemlich präzise und hat einen gewaltigen Einfluss bis zum heutigen Tag.  Man könnte sagen, dass Walter Eucken 200 Jahre danach auch nur Anmerkungen zu Adam Smith sind. Für einen Text von Carl Menger trifft die Aussage Schopenhauers zu. Man braucht eigentlich nur einen Abschnitt zu lesen, um abschätzen zu können, ob die weitere Lektüre noch was bringt.

Ist eine authentische Erfahrung da, kann der Stil helfen, diese Erfahrung auch dem Empfänger zu vermitteln. Das kann so weit gehen, dass der Stil stärker wirkt, als die Wörter selbst. Ist aber gar keine Erfahrung vorhanden, hat der Sender schlicht nichts mitzuteilen, dann kleppert es, die Diskrepanz zwischen dem, was der Stil vermittelt und dem, was der Inhalt des geistigen Artefaktes ist, ist so groß, dass der Stil lächerlich wirkt. Die Holzbalken in einem Fachwerkbau sind auch stilistisch überzeugend, weil die Holzbalken funktional sind. Handelt es sich aber um ein Haus aus Stahlbeton, das dann eine Fassade mit Brettern bekommt, damit es wie ein Fachwerkhaus aussieht, dann ist das weniger überzeugend.

Wir wissen bereits, dass alles, was wichtig ist, bereits in Goethes Faust steckt und selbstverständlich finden wir auch dort ein profunde Sprachkritik.

Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Gemeint ist die Worthülse, der nicht durch Erfahrung gedeckte Begriff. Das ist naheliegenderweise erstmal normal, denn die Wörter waren schon vor unserer Geburt da, damit sie aber eine Bedeutung erhalten, bedarf es vielleicht sogar eines gewissen Talentes oder Leute, die in der Lage sind, Wörter lebendig werden zu lassen. Das wäre eine Aufgabe der Geisteswissenschaften. Pseudowissenschaftliches Geblubbere allerdings, ist aber geradezu der Superlativ der Worthülse. Wie die Begriffe eine Bedeutung bekommen könnten steht naheliegenderweise auch da.

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