Wenn die Idee ist, dass breite Schichten der Bevölkerung aufgrund von Erfahrungen der Geschichte problematische Verhaltensweisen ablegen, dann ist das a) hoffnungslos und b) bräuchte man dann eine andere Art der Geschichtsschreibung, bzw. eine Geschichtsschreibung, die auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft abstellt. Eine Konstante der Geschichte ist z.B., dass Menschen sich von irgendwelchen Häuptlingen gewollt oder ungewollt in Abenteuer hineinziehen lassen, die sie nicht verstehen. Ähnlich desorientiert wie der römische Soldat in Germanien steht der Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Beide nehmen an einem Abenteuer teil, das sie nicht verstehen. Ob man für diese Erkenntnis Geschichte braucht, ist unklar. Hilfreicher wäre eher eine Diskussion über das Informationsfreiheitsgesetz und dessen Durchsetzung ohne Wenn und Aber. Im öffentlichen Raum besteht aber die Vorstellung, dass Geschichte identitätsstiftend ist. Die Fernsehserie im ARD „Wir Deutschen“ geht z.B. davon aus, dass es die Gruppe der Deutschen gibt, die dann im Verlaufe der Sendung mehr über sich erfahren soll, wobei allerdings völlig unklar bleibt, was man konkret als Mitglied dieser Gruppe erfährt, wenn man lernt, dass Barbarossa nach Italien marschiert ist. Wahrscheinlich weiß das auch Gauland von der AfD nicht so genau. Da haben die Deutschen zwar eine stolze tausendjährige Geschichte, aber prägender als diese tausendjährige Geschichte dürfte die Erfindung der Glühbirne sein, weil diese den Alltag maßgeblich beeinflusst, was man von den Heldentaten Otto des Großen nicht behaupten kann. Im völkischen Umfeld geht es wohl weniger um das Herausarbeiten einer Identität, als um die Schaffung einer solchen. Möglicherweise gelingt das, denn eine Gruppe kann auch Weltmeister in verschiedenen Mannschaftssportarten werden, wenn es dem Endspiel vom Sofa aus zugesehen hat. Es gilt, was immer gilt: Verstehen kann man das Phänomen nicht, aber die Existenz des Phänomens ist empirisch belastbar nachweisbar.

Dass aus der Geschichte etwas gelernt wird, scheitert aber noch aus einem viel elementareren Grund. Wenn die Erkenntnis keinen konkreten, persönlichen Nutzen bringt, dann bleibt sie unberücksichtigt. Man kann einem Bankräuber tausendmal erklären und mit zahlreichen der Geschichte entnommenen Beispielen verdeutlichen, dass es wahrscheinlich schief geht, er wird es trotzdem immer wieder versuchen. Die Erkenntnis wird also das Verhalten nicht beeinflussen, das Problem kann nur systemisch gelöst werden, der Versuch die Menschen zu bessern und zu bekehren ist nicht zielführend, der systemische Ansatz von Adam Smith ist da überzeugender. Da der Unternehmer nur Gewinn machen kann, wenn er im Wettbewerb bestehen kann, reicht es, dass der Staat den Wettbewerb aufrechterhält. Da des weiteren auch der Bankräuber in einem demokratischen Entscheidungsprozess sich gegen die Legalisierung des Bankraubs aussprechen wird, andernfalls wäre ihm ja die Geschäftsgrundlage entzogen, verwirklicht die Demokratie den kantschen Imperativ. Die freie Marktwirtschaft und die Demokratie sind nicht darauf angewiesen, auf das Gute im Menschen zu hoffen. Das ist ein gewaltiger Vorteil.

Historiker gehen, vor allem wenn sie die Geschichte aus einer bestimmten Perspektive betrachten, auf die Barrikaden, wenn intuitiv bestimmte Verhältnisse verglichen werden. DDR Historiker wären natürlich auf die Barrikaden gegangen, wenn man die Stasi mit der Gestapo verglichen hätte, erstere waren ja sozusagen Teil des antifaschistischen Schutzwalles und bundesdeutsche Historiker würden natürlich strikt verneinen, dass zwischen der Gestapo, der Stasi und dem BND irgendwelche Gemeinsamkeiten existieren. Konzedieren würde man allerhöchstens, dass es personelle Verflechtungen gab zwischen der Vorläufer Organisation des BND und der Gestapo, diese sind ja nicht abzustreiten. Um mal ein Beispiel zu nennen. Historiker neigen dazu, Systeme zu betrachten, also das offizielle Leitbild einer Gesellschaft. Aus dieser Perspektive ergeben sich natürlich erhebliche Unterschiede zwischen z.B. der DDR und der BRD. Die Frage ist nur, inwiefern das offizielle Leitbild bestimmend für das Handeln der einzelnen Akteure war und ist. Jeder, der im Bereich Geisteswissenschaft mal eine Arbeit geschrieben hat weiß, dass die Arbeit an das jeweilige Umfeld angepasst wird. Das Umfeld können flächendeckende staatliche Vorgaben sein, wie in der DDR, wo noch Goethes Faust zu einer Art Lenin mutierte, oder eben das Klima an einem bestimmten Lehrstuhl. (Wobei man konzedieren muss, dass viele DDR Schulbücher den Zusammenhang zwischen dem Gespräch im Himmel (Gott mit Mephistopheles) und dem Pakt zwischen Faust und Mephistopheles sehen. Bei vielen heute handelsüblichen „Lektürehilfen“ zur Abiturvorbereitung wird der Zusammenhang nicht gesehen.) Wenn also der Geist das Ziel hat, Individuen zu schaffen, die auf ihrer Individualität beharren, dann scheint dieses Projekt gescheitert zu sein. Das konkrete Verhalten wird von viel naheliegenderen Dingen bestimmt. Der Versuch, das Verhalten der Akteure durch ihre weltanschaulichen Vorstellungen zu erklären, ist blanker Unsinn. Die paar Akteure, wo dies der Fall ist, fallen statistisch nicht ins Gewicht. Was also die Aufgabe Orientierung und Wertevermittlung angeht, ist der Geist völlig irrelevant. Dass eine Orientierung bzw. eine Vorstellung über Werte vorhanden sind, wäre erst beobachtbar, wenn in kritischen Situationen entsprechende Entscheidungen getroffen werden, was aber nicht der Fall ist.

Wenn jetzt aber der Geist eine Rolle spielt, bzw. spielen soll, immerhin gibt es ja die steuerlich subventionierten Geisteswissenschaften und irgendwas Geistiges soll ja auch in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik, Fremdsprachen, Ethik etc. vermittelt werden, dann fragt man sich natürlich was das ist. Eine gute Anlaufstelle wäre theoretisch die Kultusministerkonferenz und deren Rahmenlehrpläne. Zum Fach Deutsch lesen wir da.

Für die unterrichtliche Arbeit in der Sekundarstufe II sind eine vertiefte Beschäftigung und gründliche Auseinandersetzung mit Literatur, Sprache und Kommunikation charakteristisch. Dabei erwerben die Schülerinnen und Schüler sowohl ausgeprägte produktive und rezeptive Text- und Gesprächskompetenz als auch literarhistorisches und ästhetisches Bewusstsein. Besonderes Gewicht erhält die Entwicklung der Argumentations- und Reflexionsfähigkeit in Bezug auf die Bereiche des Faches und in fächerübergreifenden Kontexten.

Anders formuliert, die Jungs und Mädels haben Null Plan. Der Text ist ausreichend vage formuliert, um etwas Sinnvolles hineininterpretieren zu können, doch explizit steht nichts Sinnvolles drin. Wird dann noch Kabale und Liebe als Beispiel angeführt, dann kann man davon ausgehen, dass sich die Jungs und Mädels noch nie über Anschlussfähigkeit Gedanken gemacht haben. Es ist zwar verdienstvoll, dass man sich im Deutschunterricht mit Literatur, Sprache und Kommunikation beschäftigt und nicht mit der Zubereitung von Fastnachtskrapfen, aber das hätte man a) vermutet und b) ist nun mal die Beliebigkeit, die sich in der Worthülse manifestiert, die weitverbreitetste Form des Ungeistes. Was immer man vom Geist erwartet, sapere aude, dass er die Welt zum Sprechen bringe, eine größeren Einblick in Zusammenhänge, etc.. die Beliebigkeit leistet all das nicht.

Bei Geschichte lesen wir.

Indem die Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht die historischen Wurzeln der Gegenwart aufspüren und dabei untersuchen, wie ihre Lebenswelt entstanden ist, lernen sie, sich in der Gegenwart zu orientieren und Wertmaßstäbe für ihr künftiges Handeln zu entwickeln. Sie erleben im Geschichtsunterricht anschaulich den Zusammenhang zwischen gestern, heute und morgen. Geschichte hilft ihnen auf diese Weise, die Welt der Gegenwart besser zu verstehen und Orientierung für die Gestaltung ihrer Zukunft zu gewinnen, denn „Zukunft braucht Herkunft“

Hm. Die historischen Wurzeln der Schülerinnen und Schüler wurden maßgeblich von Tim Berner Lee 1990 am CERN in Genf gelegt, denn von Tim Berner Lee stammt das Transferprotokoll http und die Markierungssprache html, auf der auch heute noch das Internet basiert, das wiederum deren Lebenswelt prägt, zumindest weit mehr, als die Kultur Mesopotamiens, die in deren Schulbüchern beschrieben ist. Das mit der Orientierung und den Wertmaßstäben wird wohl eher auch nicht funktionieren, siehe oben. Volkswirte würden ohnehin sagen, dass eine Gesellschaft, die von Orientierung und Wertmaßstäben abhängt, systemisch ganz schlecht aufgestellt ist. Unter Umständen kann man vermitteln, dass es

im Gestern, Heute und Morgen Konstanten gibt, aber das muss dann etwas sein, was heute relevant ist. Aus irrelevanten Konstanten ergibt sich kein Zusammenhang. Bei Zukunft braucht Herkunft fragt sich natürlich, wie Herkunft definiert ist und welcher Zeitraum und Erdteil hierbei relevant ist. Da gibt es ein weites Feld an Möglichkeiten. Das persische Reich unter Kyros oder amerikanische Geschichte im 18. Jahrhundert, das antike Griechenland oder die Ming Dynastie in China, Glorious Revolution in England oder Weimarer Republik. Man kann bei Herkunft auch ganz weit zurückgehen, das wäre dann Afrika. Schwierig ist auch der Begriff brauchen in diesem Zusammenhang. Wird die Herkunft von der Zukunft gebraucht, wäre die Zukunft ja von der Herkunft abhängig, wäre dann also in den jeweiligen Erdteilen mit unterschiedlicher Herkunft, bzw. in Abhängigkeit von der Herkunft, die vermittelt wird, jeweils unterschiedlich. Das wäre dann so ähnlich wie der Einfluss der Familienverhältnisse auf die Karriere, einen Einfluss, den man ja im Allgemeinen in modernen Gesellschaften zu verringern sucht, Stichwort Chancengleichheit.

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