Die Geschichte lehrt uns, dass wir aus der Geschichte nichts lernen. Bleibt man auf der obersten Ebene, auf der Ebene der handelnden Personen, dann wiederholt sie sich sowieso nicht, denn die personelle Ausstattung ist immer höchst kontingent. Nimmt man andere Teilbereiche in den Blick, etwa die Wirtschaft, dann sind die Umwälzungen innerhalb von 50 Jahren so radikal, dass die Analyse früherer Epochen wenig ergiebig ist, zumal Geisteswissenschaftler von dem relevantesten Teilbereich, der Wirtschaft, nichts verstehen. Der Autor hat während seines ganzen Studiums keinen Professor getroffen, der richtungsweisende Abhandlungen, etwa die General Theory of Employment, Interest and Money gelesen hat. Des weiteren ist völlig unklar, wer denn überhaupt was lernen soll. Wenn die Leute etwas lernen, die ohnehin keinen Einfluss haben auf gesellschaftliche Entwicklungen, dann braucht man Geschichte nicht als Massenveranstaltung.

Wenn die Idee ist, dass breite Schichten der Bevölkerung aufgrund von Erfahrungen der Geschichte problematische Verhaltensweisen ablegen, dann ist das a) hoffnungslos und b) bräuchte man dann eine andere Art der Geschichtsschreibung, bzw. eine Geschichtsschreibung, die auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft abstellt. Eine Konstante der Geschichte ist z.B., dass Menschen sich von irgendwelchen Häuptlingen gewollt oder ungewollt in Abenteuer hineinziehen lassen, die sie nicht verstehen. Ähnlich desorientiert wie der römische Soldat in Germanien steht der Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Beide nehmen an einem Abenteuer teil, das sie nicht verstehen. Ob man für diese Erkenntnis Geschichte braucht, ist unklar. Hilfreicher wäre eher eine Diskussion über das Informationsfreiheitsgesetz und dessen Durchsetzung ohne Wenn und Aber. Im öffentlichen Raum besteht aber die Vorstellung, dass Geschichte identitätsstiftend ist. Die Fernsehserie im ARD „Wir Deutschen“ geht z.B. davon aus, dass es die Gruppe der Deutschen gibt, die dann im Verlaufe der Sendung mehr über sich erfahren soll, wobei allerdings völlig unklar bleibt, was man konkret als Mitglied dieser Gruppe erfährt, wenn man lernt, dass Barbarossa nach Italien marschiert ist. Wahrscheinlich weiß das auch Gauland von der AfD nicht so genau. Da haben die Deutschen zwar eine stolze tausendjährige Geschichte, aber prägender als diese tausendjährige Geschichte dürfte die Erfindung der Glühbirne sein, weil diese den Alltag maßgeblich beeinflusst, was man von den Heldentaten Otto des Großen nicht behaupten kann. Im völkischen Umfeld geht es wohl weniger um das Herausarbeiten einer Identität, als um die Schaffung einer solchen. Möglicherweise gelingt das, denn eine Gruppe kann auch Weltmeister in verschiedenen Mannschaftssportarten werden, wenn es dem Endspiel vom Sofa aus zugesehen hat. Es gilt, was immer gilt: Verstehen kann man das Phänomen nicht, aber die Existenz des Phänomens ist empirisch belastbar nachweisbar.

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