Fasst man das alles zusammen, man kann das jetzt noch eine Weile weiter- treiben und ein breiteres Fundament an Daten heranziehen, was aber am Befund nichts ändern wird, so kann man feststellen, dass die Jungs und Mädels Null Plan vom Geist haben, was für Lehrer fatal ist. Weiß der Lehrer nicht, wo der Geist herkommt, was er ist, was er intendiert, dann gestaltet sich auch die Vermittlung schwierig, was wir ja derzeit beobachten können.

Die akademische Lehre setzt weitgehend an einem unbewussten Vorverständnis an, das innerhalb der Blase auch nicht hinterfragt wird, was allerdings sehr sinnvoll wäre, denn das Publikum außerhalb der Blase hinterfragt, und zwar ziemlich radikal. Wer sich nie über das Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Objekt, was der Inhalt des Geistes ist, Gedanken gemacht hat, der macht sich naheliegenderweise auch über Anschlussfähigkeit keine Gedanken, den in der Beliebigkeit, ist jeder Inhalt so anschlussfähig wie ein anderer. Kabale und Liebe, Bahnwärter Thiel, Faust, Schimmelreiter, Ansichten eines Clowns, Bob Dylan, Pink Floyd, Eduardo Aute. Egal. Ob ein Text den Nerv einer Zeit traf und dem Lebensgefühl von Hunderten von Millionen von Leuten außerhalb der Blase Ausdruck verlieh oder lediglich in der Blase künstlich beatmet wird, egal. Das führt dann aber dazu, dass sich die relevanten Diskussionen ins Kino verlagern und man sich die Geisteswissenschaften sparen kann. Es sind Filme wie „Das Leben der Anderen“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“, „Moderne Zeiten“, „Milena“, „Carmen“ etc., die eine öffentliche Debatte auslösen und zu einem Bewusstseinswandel beitragen. Die Geisteswissenschaften sind da eher ein Beitrag zur Banalität des Bösen. Die Beliebigkeit ist nicht nur geistlos im worteigensten Sinn, da fehlt der Geist, sondern auch Fundament des Bösen. Wer keine Präferenzen hat, begreift sich als kleines Rad im Getriebe, fühlt sich aber im Großen und Ganzen nicht dafür verantwortlich. Wer nur Rädchen sein will, dem ist das Getriebe egal. Das erklärt die hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Geisteswissenschaften an die jeweiligen Rahmenbedingungen. Die Geisteswissenschaften sind nicht Orientierung, sondern das, was sich orientiert. Darüber sollte man bei der Kultusministerkonferenz vielleicht mal nachdenken. Wenn man verstehen will, wie eine Gesellschaft in die Barbarei abgleitet, dann kann man das anhand der Geisteswissenschaften exemplarisch studieren. Es würden sich zwar noch andere Fachbereiche anbieten, etwa Jura, aber der Witz bei den Geisteswissenschaften besteht eben darin, dass hier die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität besonders groß ist.

Was also den Geist der Geisteswissenschaften betrifft, kann man sagen, dass nicht viel passiert, wenn er abwesend ist, denn er ist bereits abwesend und die Republik steht ja noch. Solange die Rahmenbedingungen stimmen, also die freie Marktwirtschaft und die Demokratie funktioniert, braucht es für die Orientierung keinen Geist. Stimmen die Rahmenbedingungen nicht mehr, dann ist der Geist keine Hilfe. Das hohle Geschwätz bietet keine Orientierung und vermittelt keine Werte. Autoritäre / totalitäre Systeme sind überall, unabhängig vom Geist, der wohl überall geistlos ist, möglich. Es gibt dann überall Ausnahmen, die gegen die sich dann herauskristallisierenden Strukturen opponieren, aber ein Zusammenhang mit dem Geist ist nicht erkennbar. Der Kunstschreiner Georg Elser tat das Richtige, und der große Philosoph Martin Heidegger mutierte zur Witzbudenfigur und schwafelte irgendwas von deutscher Universität mit Auftrag. Für den großen Philosophen gilt, was immer gilt. Nur tote Fische, schwimmen mit dem Strom und das gilt eben auch für die Geisteswissenschaften. Die Geisteswissenschaften sind, empirisch belastbar nachweisbar, so umfassend gescheitert, dass sie erst mal in Klausur gehen sollten und analysieren sollten, was da falsch gelaufen ist, bevor sie mit der Verbreitung des Geistes beauftragt werden.

Wenn man der Bildung, als Geist, der sich irgendwie in konkreten geistigen Artefakten, die man sich aneignen kann, manifestiert, einen Wert zuspricht, dann müssten sich die Bildungsinhalte auch irgendwie bzgl. der Relevanz und Bedeutung klassifizieren lassen. Vermutlich lässt sich hier keine Einigung erzielen. Jedes Land hat seinen eigenen Bildungskanon, es gibt einen russischen, japanischen, italienischen, französischen, persischen etc. Kanon, der von der Bildungspolitik des jeweiligen Landes gestützt wird, wobei allerdings jeder Kanon von globalen Strömungen überlagert wird, der Bildungskanon der jeweiligen Länder an Bedeutung verliert. Über Inhalte lässt sich die Bildung also gar nicht definieren. Wären die Inhalte entscheidend, wären den relevanteren, höherwertigen Bildungsinhalten der Vorzug zu geben. Also Konfuzius vor Goethe oder umgekehrt. Entgegen aller Behauptungen, dass das Ziel der Bildung die Selbstfindung ist, trifft also genau das Gegenteil zu. Soweit der Kanon staatlich oder gesellschaftlich fixiert ist, soll er eher Identität stiften und weniger einen Individualisierungsprozess in Gang setzen. Macht sich jeder auf seinen eigenen Weg, dann werden die Schnittmengen vermutlich kleiner. Über diese Tatsache kann man reflektieren. Der erstarkten Rechten aller Länder könnte man mal klar machen, dass eine nationale Identität Produkt des Kanons ist, aber nichts, was ein Kontinuum geschichtlicher Prozesse ist.

Will man Bildung irgendwie definieren, dann wäre es wohl Erfahrungsfähigkeit. Eine Sehnsucht nach Erfahrung besteht, fraglich ist nur, ob sie gestillt wird. Mangels Alternativen gibt es einen Milliardenpublikum für Steinhaufen aller Art, von den Pyramiden in Ägypten, über Machu Pichu und die Tempelanlagen von Angkor, bis zur chinesischen Mauer und dem Brandenburger Tor. Als Hintergrund für ein Selfie ist der eine Steinhaufen so schick wie der andere. Wer es nicht mal mehr bis zum Reiseführer schafft, der kann sich einen Guide im Internet mieten. Was die Kanonisierung betrifft, ist die Tourismusbranche wesentlich erfolgreicher, als die akademischen Geisteswissenschaften. Diese brauchen Geld, um den Kanon aufrechtzuerhalten, die Tourismusbranche verdient damit Geld. Zwar weiß niemand, was an dem Lächeln der Mona Lisa geheimnisvoll sein soll, aber der Louvre weist schon am Eingang den Weg. Wirklich spannend ist nur Selfie mit Mona Lisa. Nicht der geistige Inhalt des Artefakts ist interessant, sondern der Wiedererkennungswert. Sieht man von diesen Highlights ab, sind die Erwartungen der jeweiligen Länder bzgl. des Willens der Touristen, sich mit der Kultur dieser Länder auseinanderzusetzen realistischerweise niedrig. Schaut man sich die Werbematerialien der verschiedenen Akteure in den jeweiligen Ländern an, privat oder staatlich, könnte man den Eindruck gewinnen, dass diese davon ausgehen, dass in Deutschland gehungert wird. Egal ob Peru, Mexiko, Dubai, Thailand etc.. besonders umworben wird das reichhaltige Angebot an Gerichten, das aber wiederum in allen Ressorts dieser Welt das gleiche ist, weil sich diese wiederum auf ihre Kundschaft einstellen. Bekanntlich hat Adorno die Problematik mal in einem kurzen Satz zusammengefasst: Die Leute fahren mit dem schnelleren Auto dahin, wo sie ohnehin schon sind. Die Fundamentalkritik Adornos muss man nicht teilen, wenn aber Leute einen Großteil ihrer Lebenszeit damit verbringen, Kreuzfahrtschiffe zu bauen, mit denen andere sinnfrei über die Weltmeere schippern, um Mal ein Beispiel zu nennen, wenn also zunehmend sinnfreie Produkte und Dienstleistungen produziert und erbracht werden, die lustlos konsumiert werden nur damit Arbeitsplätze erhalten werden, dann läuft die Maschine im Leerlauf. Von den anderen Problemen, wie etwa den Umweltbelastungen, mal ganz abgesehen. Wenn der Spiele Markt mehr Umsatz generiert, als der Buchhandel, dann ist für viele Leute die Realität nicht mehr interessant, denn im ersteren ist die Realität gar nicht mehr vorhanden.

Erfahrungsfähigkeit wäre sicher für die Geisteswissenschaften ein sinnvolles Ziel, fraglich ist nur, ob man hier den Bock nicht zum Gärtner macht. Die Beliebigkeit bringt vielleicht etwas Neues in die Welt, aber nichts Relevantes. Ob gar nichts Neues in die Welt kommt, wie bei Computerspielen, ob wir eine Flucht vor der Realität haben, wie bei der Unterhaltungsindustrie, oder ob Irrelevantes in die Welt kommt, läuft so ziemlich auf das gleiche hinaus.

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