Allerdings gibt es auch die Geisteshaltung. Wenn die sich aber im Zeitablauf ständig ändert, dann ist das charakterlos. Also die Geisteshaltung darf sich nicht ändern im Zeitverlauf, alles andere wäre gaga.

Last not least haben wir noch den Weltgeist, bei Hegel und so. Der Weltgeist ist aber nicht das, was sich irgendwie ausdrückt, im Gegensatz zur Geisteshaltung, die sich irgendwie, in Taten oder in Artefakten aller Art ausdrücken muss, damit man weiß, dass sie da ist, sondern eine Kraft. Der Weltgeist will sich nämlich entfalten in der Weltgeschichte, warum auch immer, und sorgt dafür, dass das Rad der Geschichte weiter rollt. Der Weltgeist ist sozusagen ein Motor. Popper findet jetzt natürlich, dass die These mit dem Weltgeist nicht empirisch belastbar formuliert ist und da hat er Recht. Aber der ganze Geist ist irgendwie so richtig sowieso nicht von dieser Welt.

Wir könnten anstatt Geist meistens auch Charakter oder Seele einsetzen. Die Probleme sind immer dieselben, wobei Geist, wir haben das bereits erwähnt, der treffendste Begriff ist, denn Geist ist besonders unscharf und für ein unscharfes etwas brauchen wir einen unscharfen Begriff. Damit wird dann alles erfasst, was in diesem Zusammenhang bedeutsam sein kann und bei näherer Überlegung noch bedeutsam sein könnte. Im Einzelfall ist die Begrifflichkeit egal, Volksgeist, Volkscharakter, Volksseele. Völlig egal. Gibt es sowieso nicht. Wer einen Begriff sucht, für einen undefinierbares Bedürfnis, der kann das Ding benennen wie er will. Wenn das Gemüt ergriffen sein will, bzw. jemand Interesse daran hat, dass der Verstand den Löffel abgibt, dann sind Begriffe egal. Es ist nicht nötig, dass Begriffe eine Bedeutung haben, um eine Kraft zu entfalten. Man ist ja auch schon für Volk und Vaterland gestorben. Kein Mensch weiß, was Volk und Vaterland bedeutet, aber die Kraft, die diese Begriffe entfacht haben, war unstreitig GEWALTIG.

Obwohl: Volksgeist und Volksseele ist zwar irgendwie dasselbe, also ein Geist oder ein Phantom, aber manchmal ist Seele und Geist auch nicht dasselbe. Eine verlorene Seele ist wohl jemand, den der Teufel am Wickel hat, weil er ein ganz schlimmer Genosse ist. Aber ein verlorener Geist? Der irrt auch irgendwie umher: „Hamlet, ich bin deines Vaters Geist, verdammt auf eine Zeitlang hier zu wandeln.“ Manchmal wandeln aber auch die Seelen, bei Dante z.B. wandeln Francesca und Paolo als Seelen (anime, „O anime affannate, venite a noi parlar, s’altri nol niega!“) durch die Hölle. Vielleicht hat das eine Logik. Oberirdisch Geist, unterirdisch Seele. Dann gibt es noch die Seelenverwandtschaft. Die liegt wohl vor, wenn eine geistige Nähe besteht. Dann gibt es noch ganz verrückte Dinge. Der Geist kann auch nicht mit den Seelen wandern, so was gibt es bei Lord Byron.

My spirit walk’d not with the souls of men,
Nor look’d upon the earth with human eyes;

Aber wer wird erschüttert, wenn der Busen erschüttert wird? Bei Goethe wird nämlich zu Beginn des Fausts der Busen erschüttert.

Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

(Er meint seinen Dichterkollegen Schilller, der schon 1805 verstorben ist.) Also wenn der Busen erschüttert wird, dann schlägt einem das wohl auf’s Gemüt, aber nicht auf den Geist, obwohl gemütskrank und geisteskrank wohl dasselbe ist. Seelenkrank kann man nicht werden, also 1 zu 0 für die Seele, aber die Seele, das Gemüt, der Geist machen wohl das Bewusstsein aus, aber das Ding heißt Geisteswissenschaften und nicht Bewusstseinswissenschaften. Spötter bezeichnen Psychologen auch als Seelenklempner, also bei denen ist die Seele dann doch nicht stabil. Es ist also alles sehr schwierig.

Wir haben zwar keine Ahnung, was der Geist ist und folglich haben wir auch keine Ahnung mit was sich die Geisteswissenschaften überhaupt befassen, pragmatisch gesehen, könnte man sagen, sie befassen sich mit Zitaten, also mit dem, was Eingang gefunden hat in das Reich des universitären Sinnens, das reduziert die Komplexität, aber das sehen die Geisteswissenschaften
selber natürlich nicht so. Interessant ist die Frage, warum sie sich damit beschäftigen, denn die „wissenschaftliche“ Beschäftigung damit ist vielleicht umsonst, aber nicht kostenlos. Mit dem Geist ist das vielleicht so, wie mit dem Fiatgeld, also mit dem Papiergeld. Die wenigstens wissen durch was das eigentlich gedeckt ist, aber solange alle daran glauben, läuft die Maschine wie geschmiert.

Wo könnte man noch nachschauen, wenn man wissen will, wer oder was der Geist ist? Genau, in der Bibel. Das Teil ist so hammeralt und wird immer noch von manchen Leuten gelesen, also zumindest zitiert, was da drinsteht, muss irgendwie ein Fünkchen Wahrheit haben. So ziemlich am Anfang steht da.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr,
Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Das allein bringt uns jetzt natürlich auch nicht weiter. Fragen könnte man sich höchstens, warum Gott nicht direkt über dem Wasser schwebte. Wir nehmen mal an, der hat einen festen Platz im Universum und bewegt sich nicht einen Millimeter weg von seinem Thron. Ein bisschen interessanter wird es, also ein kleines bisschen, wenn man erfährt, dass Geist eigentlich von dem hebräische rûaḥ kommt, also eigentlich Wind bedeutet. Das wiederum ist als Kraft, die irgendwas voranbringt, suggestiv. Also zumindest hat es der Wind in dieser Bedeutung in die Charts geschafft.

Listen to the winds of changing

singen die Scorpions. Das ist der Wind sozusagen eine Naturgewalt, die die menschlichen Verhältnisse ändert. Das wiederum glaubt der Autor nicht. Veränderungen sind mehr das Ergebnis von Ideen, deren Zeit gekommen ist, weil die technischen, sozialen, ökonomischen Bedingungen die Durchsetzung dieser Ideen erlaubten, was im Übrigen auch schief gehen kann, wie uns die braunen Horden plastisch illustrierten. Die Ideen sind aber wiederum selber das Ergebnis eines historischen Prozesses, also etwas sehr Menschliches. Was immer der Geist ist, er ist das Ergebnis einer Subjekt <=> Objekt Beziehung. Das ist wohl das Einzige, was sich über den Geist mit Sicherheit sagen lässt.

Also der Geist der Geisteswissenschaften fließt uns durch die Finger wie die Butter in der Sonne. Je heller er angestrahlt wird, desto flüssiger wird er. Wo könnte man nachschauen, wenn man mehr über den Geist erfahren will. Natürlich nicht bei Wikipedia, das ist Schwarmintelligenz. Wir schauen also in einer ehrwürdigen Institution nach, also beim ehrwürdigen Brockhaus, mit Goldlaminierung und in Leder gebunden, auf Papier, das von allem Lignin befreit auf ewig strahlend weiß bleibt. Dort steht:

Im deutschsprachigen Kulturbereich der Terminus, durch den diejenigen Wissenschaften, die die Ordnung des Lebens in Staat, Gesellschaft,Recht, Sitte, Erziehung, Wirtschaft, Technik und ‚die Deutungen der Welt in Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft zum  Gegenstand haben, umfasst werden.

Bums. Also die Geisteswissenschaften befassen sich mit allem und der Geist steckt überall. Mit der Ordnung des Lebens in der Wirtschaft befasst sich auch die Volkswirtschaftslehre. Ist das jetzt auch eine geistige Wissenschaft? So viele Fragen und nach jeder Antwort noch mehr Fragen. Mit dem Geist ist das wie mit der Wurst. Wir wissen zwar nicht was drin ist, aber wir kaufen sie trotzdem, freiwillig oder unfreiwillig. Das dubiose Ding diffundiert nämlich von den Stätten höherer Bildung bis hinab zu den Institutionen, wo fröhliche Kinder im Sinne Humboldts kraft des Geistes zu umfassend gebildeten Staatsbürgern heranblühen. Da haben wir dann den verbeamteten Geist und den gibt es nicht bei Aldi, der kostet richtig Schotter. Der Autor hat das mal überschlagsweise ausgerechnet. Bei Goethes Faust, zwei Wochen, an allen Gymnasien steht am Ende eines Schuljahres 20 Millionen Euronen auf der Rechnung. Nicht viel, aber dann kommt noch Schiller, Hauptmann, Storm, Brentano, Mann etc. etc.. dazu. Das summiert sich.

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