Wobei der Geist auch nicht überall vermittelt werden soll. An den Realschulen z.B. nicht, also die sollen sich, das war zumindest die ursprüngliche Idee, vor allem mit Realem beschäftigen, also nicht mit dem Geist, mit Latein / Griechisch, Philosophie, Geschichte und was es sonst noch an schöngeistigen Dingen gibt. Marketingtechnisch ist das eher ungünstig, denn das schränkt den Kreis derjenigen, die vom Geist beglückt werden können, ein. Historisch intendiert war eine Klasse, die vom Geist geadelt zu Höherem bestimmt war. Der Schuss ging nach hinten los, der Geist ist in der Blase gelandet und wird von der Realität bedroht. In der Realität tobt das Leben und damit der Geist. Das humboldtsche Bildungsideal, also der umfassend gebildete Mensch, ist der Dünkel von Leuten, die keine Lust auf Realität haben.

Problematischer dürfte da schon die Kulturindustrie sein und da helfen uns auch die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten nicht. Doe Kulturindustrie, von der sich der öffentlich / rechtliche Rundfunk immer weniger unterscheidet, hindern die Leute daran, sich mit dem zu beschäftigen, was eigentlich ihre Sache wäre, wie Adorno das so hübsch formuliert hat. Dem zu widerstehen, wäre eine schöne Aufgabe für Geisteswissenschaftler.

Schiller glaubt in der Wahn und das Leben, dass die Hohepriester des Wahren, Schönen und Guten selbiges suchen, da dürfte er falsch gelegen haben, die suchen eine Festanstellung als Beamte. Der Medienhype bzgl. der Frage, ob Lehrer verbeamtet sein sollen, ist weit größer, als die Frage nach den Inhalten. Gerichte beschäftigt die Frage nach der Entfristung von Verträgen im akademischen Mittelbau. Die Frage nach den Inhalten beschäftigt niemand. Im Ergebnis trifft er den Nagel allerdings auf den Kopf.

Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.

Konfrontiert man Lehrer aus dem Bereich der Geisteswissenschaften mit der Frage, ob es nicht besser wäre, in der Schule auf unmittelbar verwertbares Wissen zu fokusieren, die Schüler wären dann im Bereich der naturwissenschaftlichen Fächer besser auf Studium und Beruf vorbereitet, dann können sie auf diese Frage in der Regel nichts erwidern, sie setzen dann nicht mal, der Autor beschäftigt sich mit der Darstellung von Kulturräumen beruflich und diskutiert diese Frage immer mal wieder mit Lehrern, die Zitiermaschine in Gang. Es kommt einfach nichts. Lehrer sollten aber wissen, was sie tun und warum. Darüber haben sie aber in der Ausbildung nie reflektiert. Das tönend Wort, ist die hohle Phrase, Wörter, die nicht von Erfahrung geprägt sind. Der freie Geist will sein subjektives Erleben zum Ausdruck bringen, bzw. ist von diesem getrieben.

Die Hohepriester des Wahren, Schönen und Guten müssen vor allem liefern. Dann gibt es auch wieder Staatsknete. Wenn Sie das nicht tun, wird die Tendenz die Schulen vom geistigen Ballast zu befreien zunehmen. Es wird nicht mehr Camus, Harper Lee, Cesare Pavese und Miguel Delibes sein, sondern die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine. Das wäre schlecht, aber da der Geist der Geisteswissenschaften gegenwärtig sowieso nicht beflügelt, letztlich egal. Im Lehrplan steht dann nicht mehr „Die SuS sollen für den Kulturraum bedeutsame Werke der Literatur, Malerei und Musik kennen und die Hintergründe verstehen“ sondern „Die SuS sollen Texte, die im Alltag auftauchen, verstehen“. Es handelt sich hierbei im übrigen nicht um eine Prognose, sondern um die Beschreibung eines Sachverhaltes. Die Geisteswissenschaften haben hart daran gearbeitet, diesen Zustand herbeizuführen.

Mit der Aufforderung, das Feuer weiterzutragen und nicht die Asche anzubeten, wird man die Hohepriester des Wahren, Schönen und Guten nicht beeindrucken. Wenn aber die Akzeptanz des Kanons schrumpft, dann wird langfristig auch die ökonomische Basis berührt, was, wie die letzten Jahre immer wieder gezeigt haben, ungeahnte Energien freisetzt.

Was den Geist angeht, wird er von den Zitierwissenschaftlern so engagiert verwaltet, wie die Lebensmittel durch das Gesundheitsamt. Geprüft, vermessen, kategorisiert und abgelegt.

Wenn es um die Durchsetzung konkreter ökonomischer Interessen geht, bzw. wenn die Angst umgeht, dann haben wir ein Feuer in der Debatte, das man den älteren Herren und Damen kaum zugetraut hätte. Ansonsten sind die verbeamteten oder sonst wie im öffentlichen Dienst beschäftigten Vergeistigten das kreative Potential eines Briefmarkensammlers. Lässt der Steuerzahler sie weitermachen, werden sie noch 10 000 Jahre denselben Typ von Text, für dasselbe gelangweilte Publikum in der Blase, im selben Jargon für den Papierkorb produzieren.

Zitierwissenschaftler neigen dazu, der Sprache eine große Bedeutung beizumessen, von Wörtern auf seelenhaft tief Verankertes zu schließen. Heidegger z.B. raunt hier mächtig und tief ergriffen. Das würde der Autor nicht tun. Wörter können bedingt durch besondere Umstände in den Kreislauf gelangen, eine tiefere Bedeutung muss das nicht haben. Allerdings gibt es im Deutschen nicht nur den Geist in mannigfaltigen Formen, sondern auch die Bildung. Da unterscheidet das Deutsche zwischen Bildung und Ausbildung. In den romanischen Sprachen und im Englischen wird diese Unterscheidung nicht getroffen. Wer im Französischen unterscheiden will, der hängt an Bildung halt noch ein professionelle dran, formation professionelle, und so ähnlich funktioniert das auch in anderen Sprachen.

Der Begriff Bildung ist zwar genau so vage wie der Gegenstand der Geisteswissenschaften, also der Geist, aber dennoch ein bisschen konkreter. Der Geist taucht oft in einem Kontext auf, wo eine gewisse Dynamik angenommen werden kann. Der Geist ist nicht nur Resultat, sondern auch eine Kraft, die das Resultat hervorbringt. (Jemand, der einen Unternehmergeist hat, um mal ein Beispiel zu nennen, macht mächtig Wirbel. In diesem Fall ist der Geist eine Kraft, die antreibt.) Also nicht unbedingt im Bewusstsein der Zitierwissenschaftler, da ist die treibende Kraft die Intertextualität, das ist so was wie ein Flaschengeist, also wie der Homunculus in Goethes Faust. Bildung allerdings ist Resultat, Kanon. Will man auf einen Prozess abstellen, muss man ein Komposita bilden, z.B. Bildungsprozess. Das ist aber gar nicht der springende Punkt.

Das Interessante ist, dass Bildung, für dessen Implementierung der Steuerzahler eine Menge Geld austütet, inhaltlich völlig unbestimmt ist. Irgendwie wird damit, überall auf der Welt, das Wahre, Schöne und Gute assoziiert. Wäre aber das Wahre, Schöne und Gute irgendwie greifbar, müsste es einen weltweit gültigen Kanon geben bzw. dieser müsste angestrebt werden. Dass man sich bzgl. des Kanons nicht mit Saudi Arabien, der derzeitigen Türkei und Nordkorea einigen kann liegt auf der Hand. Aber eine Einigung dürfte auch zwischen Deutschland, Frankreich und England schwierig sein. Selbst die romanischen Länder intendieren keinen allgemeingültigen Kanon. Folglich muss es in den jeweiligen Ländern eine kleine radikale Minderheit geben, die einen nationale Geist will, einen profitablen Kanon, einen nationalen Kanon, für dessen Vermittlung der Steuerzahler zwangsweise herangezogen wird. Die Bildungspolitik der einzelnen Länder zielt eher darauf ab, eine Identität zu schaffen, als einen Individualisierungsprozess in Gang zu setzen, was nicht nur an und für sich falsch ist, schließlich stand über dem Orakel zu Delphi „Erkenne dich selbst“ und nicht werde Spanier, Italiener, Deutscher oder was auch immer, sondern auch hoffnungslos. Italiener sind so fasziniert von der Divina Commedia wie der durchschnittliche Deutsche von Goethes Faust, aber Pink Floyd finden alle cool.

Um was geht es also hier? Der Autor dieser Zeilen beschäftigt sich mit der Darstellung von Kulturräumen, konkreter, er erstellt internetbasierte Sprachlernprogramme. Da aber niemand, außer eben die paar Irren, die sich davon einen Karrieresprung erhoffen, eine Sprache lernt, weil er gerne Vokabeln paukt, spielt der Hintergrund hinter der Sprache eine zentrale Rolle. Da er diese Programme vermarkten muss, stellt sich die sehr konkrete Frage, wie man Geist eigentlich vermittelt.

Wer Geist am Markt verkaufen will, hat ganz andere Probleme als verbeamtete Zitierwissenschaftler. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass man gezwungen wird, den Geist mal ganz fundamental zu hinterfragen. Der Nachteil ist natürlich, dass man keine Kunden hat, die einem der Staat qua Gesetz nach Hause liefert. Staatstragende Sonntagsreden, wie man sie von Bundespräsidenten und sonstigen Organen bei allen möglichen feierlichen Anlässen hört und die dann medial gehyped werden, helfen da auch nicht. An der Front ist der Geist eine tabula rasa. Der Geist wird zum Marketingproblem.

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