Fragt man Geisteswissenschaftler, warum der Steuerzahler das sponsern soll, was er ja immer weniger tut, dann wird die Zitiermaschine angeworfen und es rattert und schnattert gewaltig. Die Historiker erzählen einem dann, wer die Geschichte nicht kennt, wird sie wiederholen; der Altphilologe erklärt, dass Latein das logische Denken schult und überhaupt das ganze Abendland ganz anders wäre ohne Aristoteles und Co; die Philosophen erklären einem langatmig, gespickt mit Zitaten aus 2000 Jahren, dass man die Welt ohne Philosophie schlicht gar nicht versteht etc. blabla. Ganz allgemein formuliert, fühlen sich die Geisteswissenschaftler zuständig für das Wahre, Schöne und Gute. Zumindest in öffentlichen Verlautbarungen oder wenn Bundespräsidenten und sonstiges Staatstragendes Gewichtiges zur Lage der Nation sagen will.

Das Goethe Institut z.B. ist auch so was Staatstragendes, trägt das Wahre, Schöne und Gute deutscher Provenienz hinaus in die ganze Welt, auf dass diese beglückt werde. Kostet den Steuerzahler 220 Millionen Euronen im Jahr. Damit könnte man natürlich auch eine solargetriebene Wasserentsalzungsanlage, genau genommen mehrere, bauen, aber wer braucht schon Trinkwasser, wenn er guten deutschen Geist hat? Und Pflanzen? Die blühen, wenn man ihnen die Phänomenologie des Geistes von Hegel vorliest. Hat der Autor ausprobiert, großes Ehrenwort des Häuptlings der Indianer. Funktioniert.

Ein ganz anderes Bild hat man, wenn man sich mit Ingenieuren, Handwerkern und sonstigem geistesfernen Gesindel unterhält. Oder mit Schülern. Da stehen die verbeamteten Geistlichen auf einmal vor einer Klasse angefüllt mit finsterster ungeistiger Realität, mit sehr konkreten Fragen. Gab es denn in diesem ganzen verlorenen Wetzlar keine andere Frau als die Charlotte? Und überhaupt: Was jammert der denn so, der Goethe hat doch wirklich nichts anbrennen lassen. Friederike Brion hat er eiskalt abserviert. Pfff. Das Ding rockt nicht. Das haben wir tabula rasa. Ist der Kanon nicht mehr selbstverständlich, also eigentlich überall, dann rattert die Zitiermaschine vor sich hin, hat aber keine Empfänger mehr. Das tobende Leben ist dann irgendwo anders, bzw. wird irgendwo anders gesucht.

So geistesfernes Gesindel kennen die universitären Weihepriester des Wahren, Schönen und Guten gar nicht. Ihre Welt ist die Blase, ihre Ordnung der Kanon. Ob sie sich mit dem Geist beschäftigen hängt davon ab, wie man Geist definiert. Wenn man der Definition des Brockhauses zustimmt und die Geisteswissenschaften sich mit der Beschreibung der Ordnung des Lebens in Staat, Gesellschaft, Recht, Sitte, Erziehung, Wirtschaft und Technik beschäftigen, dann muss das schief gehen, denn der Lebenslauf der universitären Weihepriester ist Penne => Uni => unter Umständen eine Zwischenlandung wieder an einer Penne => Uni => Grab. Sie leben in der Welt des Kanons und der Kanon ist nun mal, sonst wäre er kein Kanon, unveränderlich. Der Kanon kann sich vielleicht gemächlich wandeln. Die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche können aber so radikal sein, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Das Internet z.B. ist eine Entwicklung dieser Art. Das betrifft vor allem die Geisteswissenschaften, aber die stehen dem Phänomen hilflos gegenüber, was zum Problem wird, wenn das Internet und digitale Lernmedien Einzug erhalten in die Schulen.

Was Geisteswissenschaftler nicht begreifen, das haben sie mit verbeamteten Volkswirtschaftlern gemeinsam, ist die Tatsache, dass sie, im Gegensatz zu den Ingenieuren, Naturwissenschaftlern etc. ein Konsumprodukt herstellen. Der Chemiker braucht niemandem zu erklären, wie Waschpulver funktioniert oder wie sich der Autolack zusammensetzt und es interessiert auch keinen, solange die Wäsche sauber wird und das Auto farbig bleibt. Der zukünftige Kunde ist die Industrie, nicht der Endkonsument. Geisteswissenschaftler, auch als Lehrer, müssen aber die Kundschaft für ihre Themen interessieren, was sie aber nie gelernt haben. Mit pseudowissenschaftlichem Geblubbere gewinnt man am Markt keinen Blumentopf. In der Welt der Blase bekommt man die Kunden frei Haus geliefert, außerhalb der Blase aber nicht. Wenn sie das nicht lernen, werden sie zunehmend obsolet. Unstrittig ist, dass der Geist weht, manchmal auch der Ungeist, aber er findet nicht in der Blase statt. Der Geist under Geisteswissenschaftler ist nur relevant, wenn er jemanden beflügelt, begeistert, erhellt, zur Selbstfindung beiträgt, Antworten findet auf ewige Fragen oder was auch immer.

Der Kanon lebt vom Zitat, der Geist der Zitierwissenschaftler ist die zitierbare Quelle. Der Ordnung des Lebens in Staat, Wirtschaft und Technik ist dem Kanon so fremd wie dem Stubentiger der Urwald. Wissenschaftlich bzw. bedeutsam ist nicht das, was sich empirisch belastbar belegen lässt, sondern was durch Zitate untermauert werden kann. Was in der Blase bedeutsam ist und in „Forschungssemestern“ produziert wird, interessiert außerhalb der Blase niemanden und würden nicht die Kollegen dafür sorgen, dass die Werke tiefsinnigen Grübelns von irgendeiner Uni gekauft werden, lägen die Auflagen im hohen einstelligen Bereich. Die Länge der Literaturliste verbürgt die Erfüllung „wissenschaftlicher“ Standards, nicht die empirische Belastbarkeit. Relevant für die akademische Karriere ist die Selbstdarstellung in der Blase, nicht die Relevanz.

Auch das Geraune von der Hermeneutik hilft uns nicht weiter. Bei Gadamer der „das Verstehen zum Gegenstand unserer Besinnung machen“ will, wird die Problematik unzulässig verkürzt, wie wir noch sehen werden. Wenn Dichtung der Dämmerung entstammt, wie Hermann Broch zutreffend feststellt, dann ist nicht nur das Ergebnis interessant, also die Dichtung als konkret vorliegender Text, sondern auch wo sie entstand und in diese Dämmerung hinab zu leuchten ist schwieriger, als die Begutachtung des fertigen Produktes. Die Ästhetische Theorie von Th.W. Adorno beschäftigt sich damit, mit der Dämmerung, aber so doll wie Adorno werden wir es hier nicht treiben. Kann der Autor auch gar nicht. Er hofft aber, dass sich Erhellendes zu der Thematik auch mit einer Portion gesundem Menschenverstand sagen lässt.

Außerhalb der Blase werden die Fragen sehr radikal und fundamental. Würde es irgendjemand merken, wenn man den gesamten Bereich Zitierwissenschaften streichen würde? Wäre die Gesellschaft eine andere, wenn man in der Schule ausmisten würde und mehr Mittel für die Vermittlung von Kenntnissen einsetzen würde, die für die konkrete Lösung anstehender Probleme notwendig sind? Wäre dann das Leseverhalten ein anderes? Würden weniger Bücher gekauft? Hätte das einen Einfluss auf den Geist außerhalb der Blase? Fragen, auf die man durchaus empirisch belastbare Antworten geben könnte, aber so genau will das wohl niemand wissen.

Stößt der Geist auf die unmittelbare Realität, also auf eine Realität, wo der Kanon nichts bedeutet und niemand gezwungen werden kann, ihn sich einzuverleiben, wird er sehr pragmatisch. Das ist z.B. dann der Fall, wenn unschlüssige Schüler bzw. unschlüssige Studenten angelockt werden sollen. Dann geht es nicht mehr um die Darstellungen von Kulturräumen, das traut man sich eh nicht zu, sondern um den konkreten Nutzwert. Fremdsprachen lernt man, weil das wichtig ist für die Karriere, weil das entsprechende Land wirtschaftlich bedeutsam ist, weil es ein wichtiger Handelspartner ist etc.. Selbst bei Latein wird der Nutzwert betont. Das soll das logische Denken fördern, was prinzipiell wichtig sei.

Würde sich, wenn man den Geist an Schulen nicht mehr vermittelt, also keinen deutschen Geist an deutschen Schulen, also Goethe und Co, keinen französischen Geist an französischen Schulen, also Molière und Co, keinen spanischen Geist an spanischen Schulen, also Cervantes und Co, keinen italienischen Geist an italienischen Schulen, als Dante Alighieri und Co etc. irgendetwas ändern? Um messbare Qualitäten scheint es ja offensichtlich nicht zu gehen, der Geist ist da weitgehend beliebig, es soll nur ein nationaler Geist erzeugt werden. Ein weltweit gültiger Kanon würde sich anbieten, doch der Wechsel ist aus ökonomischen Gründen kaum zu erwarten. Zur globalisierten Welt würde eher ein globalisierter Geist passen. Spielten Qualitäten eine Rolle, dann müsste man einen bestimmten Geist in den Schulen vermitteln, zumindest wäre das sinnvoll.

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